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Was es werden muß, weil es das war.
Marlene Streeruwitz
Heldengedenken und Tag der Fahne. Da mußte man sein. Das gehörte zu den
Pflichten. Wie Schule und Kirche. Und da fand es ja auch statt. Schule
und Kirche war diese sich ergänzende und in dieser Ergänzung die
Widersprüche transportierende Einheit. Drohend war das. Das war immer
drohend. Das hatte mit langem Stehen zu tun. Die Feiern und die Messe.
Stehen in der Zahl der Kinder. Still stehen. Überprüft dastehen. Nach
Schulklassen geordnet von den Lehrerinnen überwacht. Ordentlich sollte
da gestanden werden. Die Zweierreihe auch noch im Stehen
aufrechterhalten. Und immer mußte von unten nach oben geschaut werden.
Immer mußte der Blick hinauf gerichtet werden. Der Text wurde immer
oben vorgesagt. Hoch oben in der Anordnung der Kirche. Der Priester auf
der Kanzel. Allein und über allen. Der Politiker oben hinter dem
Rednerpult. Aber immer dieselbe Redehaltung von oben nach unten. Immer
die Verkündigung der Vorschrift. Die Vorschrift in gehobener Sprache.
Wie man sein sollte. Wer man war. Im Archilexem wurde das verkündigt.
"Man" war da ein Kinderkörper, dem der Weg gewiesen wurde. Dem gesagt
wurde, wohin er gehörte. Wie er sein sollte. Dem die Heimat benannt
wurde. Und weil sich die Verkündigung immer schon auf das Verfehlte der
Vergangenheit bezog. Beziehen mußte. In einer Kleinstadt der 50er
Jahre, die das Hauptquartier der russischen Besatzung gewesen war,
waren die Kriegsfolgen nicht zu übersehen. Reparatur war das.
Zurückreparatur in das Jahr 38. Der Wiederaufbau trat mit einem
trotzigen "Aber Jetzt" auf. Aber jetzt würde man es richtig machen.
Aber nicht, weil man es falsch gemacht hätte. Bis jetzt. Nein. Es war
ein Schicksal, das über diese Welt gekommen war. Und es war nur der
Krieg, der benannt wurde. Der Krieg war ein Schicksal gewesen. Wie eine
Überschwemmung. Über den Krieg war wie über ein Naturereignis
gesprochen worden. Und wie bei einem Naturereignis hatte es keinen
selbstverschuldeten Grund und keine Verursachung gegeben. Krieg trat
auf und raste über die Menschen hin und hinterließ Zerstörung und
danach kniete man nieder und betete. Man kniete und betete und dankte
für die Rettung und flehte um Schonung. Der Bürgermeister sagte in der
Heldengedenkfeier, daß dieses Österreich wiedererstanden sei und daßes
nie wieder Krieg geben könne und daß den Gefallenen zu danken sei. Und
der Stadtpfarrer sagte in der Messe nach der Heldengedenkfeier, daß die
Sünden der Menschen im Krieg bestraft würden, aber daß es jetzt
Österreich gäbe und die Neutralität uns vor Krieg bewahren würde. Die
Neutralität war so ein Gottesgeschenk geworden, das Rettung versprach.
Die Heldengedenkfeier fand vor dem Kriegerdenkmal statt, das vor der
Stadtpfarrkirche stand. Danach die Messe in der Kirche.
Die Helden waren tot. Um ein Held zu werden, hatte man sterben müssen.
Im Krieg. Wenn man im Krieg für das Vaterland auf grausame Art zu Tode
gekommen war, wurde man in das Heldengedenken aufgenommen. Das war
nicht anders als die Märtyrer in der Kirche. Um in den erhöhten Rang
eines Märtyrers zu kommen, hatte man sich für den Glauben zu Tode
quälen lassen müssen. Auf die gräßlichste Weise. Aber. Die ewige
Seligkeit war damit errungen. Märtyrer waren im Himmel. Märtyrer waren
in ewiger Sicherheit. Helden. Die waren im Heldengedenken aufgehoben.
Die waren in der Heldenehre. Im Ruhm ihres Todes für das Vaterland
waren die in ewiger Erinnerung bewahrt.
Was hatte "man" da gelernt. Im Stehen in der Kälte vor dem
Kriegerdenkmal. Zuerst einmal hatte gelernt werden müssen, daß die Art
des Todes über die Position des Toten bestimmte. Der richtige Tod. Die
richtige Todesart in der Kirche oder im Staat ermöglichte Aufstieg. Man
konnte durch die richtige Todesart eine höhere Position erreichen. In
der Kirche konnte man sich durch einen Märtyrertod die ewige Seligkeit
sichern. Im Staat konnte man ein Held werden. Und in beiden Fällen
waren es moralische Pflichten. Das Schicksal des gräßlichen Todes als
Mittel der gesellschaftlichen Erhöhung und zur Rettung der eigenen
Seele war Vorschrift. Der freie Wille war da nur die Wahl zwischen
Verdammnis in der Kirche und Feigheit im Staat in der Redegewalt der
innigen Verbindung von Religion und Politik. Der Politiker sprach von
der Verdamnis. Der Pfarrer von der Neutralität. Beide redeten von ganz
anderem. Die Erwachsenen hinten. Die Erwachsenen standen immer hinter
den Kindern. Damals. Alle Kinder vorne. Hinter ihnen die
Aufsichtspersonen. Lehrer und Eltern. Die Erwachsenen teilten mit den
Rednern gelebte Erfahrung. Für die Erwachsenen war Tod und Rettung
konkret. Die Erwachsenen wußten, worüber geredet wurde. Die Erwachsenen
verstanden die Sprache über Tod und Rettung konkret. Für ein Kind. Für
ein Kind konnte sich nur darstellen, daß die Erwachsenen wußten,
worüber gesprochen wurde. Erwachsensein wurde so zu einem Zustand eines
Eingeweihtseins. Zu einer Gemeinschaft der Wissenden. Zu Wissenden über
Gewalt und Schicksal. Zu Erfahrenen in Gewalt und Schicksal. Überlegen
waren die in einem nur dunkel zu Erahnenden von Gewalt und Schicksal.
Gewalt und Tod und Todesart und Schicksal dahin. Das wurden um dieses
dunkel Ahnende gruppierte Begriffe. Angstmachend war das.
Furchterregend. Und um diese Furcht zu bannen, gab es wieder nur zwei
Möglichkeiten. So zu tun, als gäbe es das alles nicht. Oder gleich
einstimmen und mitmachen. Märtyrer und Held wurden so zu
unausweichlichen Konsequenzen. Vor diesem Denkmal stehend und dem Reden
zum Heldengedenken lauschend war es unausweichlich, daß einem selbst
das geschehen würde.
Und. "man" durfte nichts von diesen Gefühlen preisgeben. Es war
vollkommen unmöglich. Es wäre eine Schande gewesen, auch nur betroffen
dreinzuschauen. Weinen. Das wäre entsetzlich gewesen. Weinen. Das hätte
einen als kleines Mädchen ausgewiesen. Jede Reaktion hätte mich zu dem
kleinen Mädchen gemacht, das ich war. Es war zwingend notwendig,
regungslos diesen Reden zuzuhören. Diesem bombastischen Gerede von Tod
auf dem Schlachtfeld und dem Opfer der Toten zuzuhören. Das alles auf
sich beziehen zu müssen. Das alles als vorgeschrieben und
unausweichlich in sich toben zu haben. Und keine Regung nach außen
dringen zu lassen. Dann lachten die Buben nicht über einen und nannten
einen "Mädchen".
Es waren unerbittliche Väter, die sich da über einem versammelten. Der
Gott und das Vaterland. Väter, denen es recht zu machen, die äußerste
Hingabe verlangte. Der Körper wurde einem abverlangt. Und. Jeder Vater
schrieb einen Tod vor, der einem Regungslosigkeit gegenüber den
gräßlichsten Qualen abverlangte. Dafür dann sozialer Aufstieg. Danach.
Als Nachrede. Auch das Leben im Staat wurde so an eine
Jenseitsvorstellung gebunden. Das Leben wurde so entworfen, als gäbe es
diese beiden Möglichkeiten als Karriereoptionen. Parallel. Wieder
parallel in diesem neuen Österreich. In dem Kirche und Staat gemeinsam
sprachen.
Die Kinder von damals. Die Kinder vom Tag der Fahne und den
Heldengedenkfeiern der 50er Jahre. Sie halten nun selber die Reden.
Werden das im nächsten Jahr tun. Sie werden diesen Ton anschlagen. Sie
werden so beginnen, wie sie das damals gehört haben. Diese
Stimmführung, die große Gefühle schon in der abverlangten
Regungslosigkeit sagt. Ein vorwurfsvolles Pathos ist das. Ein Pathos,
das alles in Verkündigung verwandelt. Die Regungslosigkeit verbietet
Erklärung. Frage. Argument. Diese heute Erwachsenen werden ihren
Zuhörern nicht den Heldentod abverlangen. Aber die Hingabe. Die schon.
Und diese heute Erwachsenen werden nur das lesen können, was ihnen
damals entschlüsselbar sein durfte. Alles, was die Erwachsenen damals
als dunkle Erinnerung teilten. Das ist ihnen dunkel gebliebener
Hintergrund ihres heutigen Erwachsenenseins. Ihrer Rolle als Redner.
Wird Basis ihrer Erwachsenenermächtigung. Wird Basis der Macht. Und sie
werden ein "Wir" aus diesem dunklen Ahnen heraus formulieren.
Das nächste Jahr sollte der öffentlichen und privaten Kulturarbeit der
Macht und der Mächtigen gewidmet werden. Öffentlich und privat.
Marlene Streeruwitz ist freiberufliche Schriftstellerin und
Regisseurin, lebt in Wien und Berlin.
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