Was bleibt vom Protest? "Theater ist kein Produkt, ZuseherInnen sind keine KundInnen."

Die Bedeutung des Theaters als ein Medium, das in der Lage ist, Menschen anzusprechen, die nicht bloß an Kunst interessiert sind, sondern darüber hinaus eine kritische Haltung gegenüber denjenigen Autoritäten an den Tag legen, welche die Freiheit wertgeschätzter Institutionen einschränken wollen.
Stary Theater in Krakow
Mark Jameson

„Theater ist kein Produkt, ZuseherInnen sind keine KundInnen.“ Was bleibt vom Protest?

 

Das polnische Theater steht derzeit im Fokus der öffentlichen Debatte und blüht dabei regelrecht auf. Allerdings wurde es dabei zum Schauplatz einer Kollision der Werte, denn wann immer eine Diskussion aufkommt, geht es weniger um Visionen als um Positionen.[i] Die Ursprünge dieser Auseinandersetzung reichen wesentlich weiter zurück als die aktuellen Geschehnisse rund um die Regierung der rechten Partei Recht und Gerechtigkeit (Prawo i Sprawiedliewość, PiS). Stückweise ist das Theater zu etwas Gefährlichem geworden, zu einem „magnetischen und einflussreichen Medium“. Die Blasphemie, auf die sich viele KritikerInnen des Theaters berufen, ist die eine Sache; die Angst vor einer politischen Schwächung durch das Wiedererstarken der Macht des Theaters als eine Stimme der Öffentlichkeit, die andere. In den letzten Jahren wurden diese beiden Themen oft vermischt, woraus sich eine explosive Verbindung entwickelt hat. Wir können nun gemäß dem französischen Autor Guy Debord behaupten, dass Theater zu einem Produkt der Gesellschaft des Spektakels geworden ist. Dabei präsentieren die Medien eine Abfolge an Handlungen, aus denen sich kaum Fakten erkennen lassen, sondern vorwiegend verschiedene Versionen und Repräsentationen. Eine Version von Realität, die in den Medien präsenter ist als eine andere, ist in der Lage, diese zwischenzeitlich zu verdrängen – wobei sich die Rollen auch schnell wieder umkehren können. Wie in jeder Schlacht gibt es auch hier SiegerInnen und Besiegte. Die TeilnehmerInnen dieses Spektakels verhalten sich zunehmend wie „SpielerInnen“, die einen der vier Typen postmoderner Persönlichkeiten (Spaziergänger, Vagabund, Tourist, Spieler) personifizieren, wie sie vom polnischen Soziologen und Philosophen Zygmunt Bauman beschrieben werden. PolitikerInnen verlieren ihr Ansehen und oft auch ihre Positionen, genau wie manche TheaterdirektorInnen, die in jüngster Zeit ausgetauscht wurden. Die Situation kann mit einem „hybriden Krieg“ verglichen werden, in dem es keine klar erkennbare Aggression gibt, Entscheidungen in den Grauzonen der Legalität getroffen werden und am Ende erklärt wird, dass die Umsetzung einzig dem Interesse des Publikums dient. Doch ist dem tatsächlich so?

 

Der Fall des Teatr Polski in Wrocław

Die Geschehnisse, wie sie in der Folge beschrieben werden, hätte sich niemand besser ausdenken können; auch nicht die OrganisatorInnen jenes KünstlerInnenprotests, der 2012 in Wrocław (Breslau) mit dem Slogan „Theater ist kein Produkt, ZuseherInnen sind keine KundInnen“ („Teatr nie jest produktem, widz nie jest klientem“) begann. Als Auslöser gilt der Vorschlag der Kulturabteilung der Woiwodschaft Schlesien, wonach die wichtigsten Bühnen der Region von ManagerInnen geleitet werden sollten, statt von DirektorInnen mit Visionen und einem künstlerischen Hintergrund. Zu jener Zeit konnte man in Polen ein ungemein spannendes Phänomen beobachten: die Bedeutung des Theaters als ein Medium, das in der Lage ist, Menschen anzusprechen, die nicht bloß an Kunst interessiert sind, sondern darüber hinaus eine kritische Haltung gegenüber denjenigen Autoritäten an den Tag legen, welche die Freiheit wertgeschätzter Institutionen einschränken wollen. Besonders die Auseinandersetzung rund um das Teatr Polski in Wrocław verlief nicht unbedingt so, wie es sich die Verantwortlichen vorgestellt hatten – und das gleich in zweierlei Hinsicht.

 

Polski Theater in  Wrolaw

Im Jahr 2012 produzierte das Polski Theater in Wrocław eine Performance mit dem Titel „Wirst du das nach jeder Performance lesen?“ („Czy Pan to będzie czytał na stałe?“), bei der Michał Kmiecik Regie führte und Marzena Sadocha für die Dramaturgie verantwortlich zeichnete. Das Spektakel bezog sich direkt auf den bereits erwähnten und viel kritisierten Vorschlag, ManagerInnen als TheaterdirektorInnen einzusetzen. Von offizieller Seite war dieser Vorschlag damit begründet worden, dass man der verschuldeten Szene die Zukunft sichern wolle. Der Titel der Performance bezog sich auf die Frage der Presse an eines der Ensemblemitglieder, die nach jeder Aufführung eine Protestnote gegen diese Pläne verlesen hatten. Der Aufschrei war groß, doch die Pläne wurden letztendlich zurückgezogen und Krzysztof Mieszkowski blieb vorerst Direktor des Teatr Polski. Es war ein Moment des Triumphs. Zwar ist der Theaterbereich in Polen tatsächlich verschuldet, allerdings handelt es sich dabei um ein strukturelles Problem, das seit vielen Jahren besteht. In Wahrheit war das Teatr Polski in Wrocław unter Mieszkowski überaus erfolgreich, exportierte seine Produktionen in alle Welt, befasste sich mit aktuellen Themen wie Fremdenfeindlichkeit, Gewalt oder der Kommerzialisierung von Kunst und war dabei meist ausverkauft.

Bei den Kommunalwahlen im Jahr 2014 verlor Radosław Mołoń vom Bündnis der sozialen Linken (Sojusz Lewicy Demokratycznej, SLD), bis dahin Vizepräsident der Woiwodschaft Schlesien und damit verantwortlich für den Kulturbereich, sein Mandat und wurde von Tadeusz Samborski von der Polnischen Volkspartei (Polskie Stronnictwo Ludowe, PSL) abgelöst. Ein Jahr später bescherte ein Erdrutschsieg der Partei PiS unter Jarosław Kaczyński dieser in beiden Parlamentskammern eine absolute Mehrheit, was eine tiefgreifende Umwälzung der politischen Landschaft nach sich zog. Die Tatsache, dass mit Piotr Gliński der Minister für Kultur und nationales Erbe zu einem der drei stellvertretenden Ministerpräsidenten ernannt wurde, vermag in diesem Zusammenhang kaum zu überraschen, da es sich bei der PiS um eine ideologisch weit rechts stehende Partei handelt, die den Anspruch erhebt, die Ansichten und Werte der polnischen Bevölkerung zu formen und die Autonomie jener gesellschaftlichen Gruppen einzuschränken, deren Bestrebungen nach Unabhängigkeit in Opposition zur Regierung steht.

Für eine seiner ersten Schlachten hatte Minister Piotr Gliński das Teatr Polski in Wrocław, das zum Teil vom Ministerium für Kultur und nationales Erbe finanziert und verwaltet wird, als Ziel auserkoren. Dessen Direktor Krzysztof Mieszkowski hatte 2015 für die klassisch-liberale Oppositionspartei „Nowoczesna“ (Die Moderne) einen Sitz im Parlament errungen. Im Herbst 2015 führte das Teatr Polski Elfriede Jelineks Stück „Der Tod und das Mädchen“ („Śmierć i dziewczyna“) auf und bewarb die Produktion mit einer provokanten Kampagne. Neben dem umstrittenen Plakatsujet, auf dem sich eine Frau mit der Hand in die Unterhose fasste, sorgte vor allem eine Andeutung für Aufregung, wonach professionelle PornodarstellerInnen sexuelle Handlungen auf der Bühne vollziehen würden. Die Reaktionen kirchlicher Kreise, insbesondere von Mitgliedern der selbsternannten „Rosenkranz-Kreuzzügler für das Vaterland“ und anderer rechter Organisationen folgten prompt in Form von massiven Protesten direkt vor dem Theater. Die Kontroverse vervielfachte freilich die Wirkung der Werbekampagne und Minister Gliński, der vergeblich versucht hatte, die Premiere durch persönliche Interventionen zu verhindern, musste sich später öffentlich dafür entschuldigen, dass er sich von überzogenen Medienberichten hatte beeinflussen lassen – die vermuteten Sexszenen hatten nämlich nie stattgefunden. Die Angelegenheit demonstrierte eindrucksvoll, dass Kunst nicht nur Auswirkungen auf die Gesellschaft hat, sondern auch in der Lage ist, die Politik direkt zu beeinflussen.

 

Keine Lösung in Sicht

Der Ausblick auf die Zukunft des Teatr Polski in Wrocław ist – nur wenige Monate nach dem Ende der europäischen Kulturhauptstadt 2016 – verheißt allerdings kaum Gutes. Nach den Ereignissen von 2015 wurde die Position des Direktors neu ausgeschrieben und im darauffolgenden Jahr wurde der weitgehend unbekannte, von einer BürgerInnenplattform und der Polnischen Volkspartei unterstützte Schauspieler Cezary Morawski zum neuen Leiter bestellt. Von Seiten der Politik war man offensichtlich bestrebt, eine Person zu finden, die sich leicht kontrollieren ließe. Doch die Strategie ging nicht auf, denn schon kurz nach der Bekanntgabe des Resultats entwickelte sich eine breite öffentliche Diskussion, in der sich große Teile des Ensembles wie auch des Publikums gegen die Bestellung von Morawski aussprachen. Die Facebook-Gruppe „Publikum des Teatr Polski in Wrocław“ („Publiczność Teatru Polskiego we Wrocławiu“) organisierte zahlreiche Protestveranstaltungen, während Mitglieder des Ensembles nach jeder Vorstellung von der Bühne ins Publikum herabstiegen und mit Klebeband vor dem Mund verschiedene Stellungnahmen zur schwierigen Situation des Teatr Polski vorlasen. Statt den Dialog zu suchen, reagierte der neue Direktor mit rigorosen Maßnahmen: So ließ er das Licht im Saal immer direkt nach den Vorstellungen abstellen, kündigte die Verträge von SchauspielerInnen, die an Aktionen teilgenommen hatten, strich insgesamt sieben Stücke aus dem Repertoire, obwohl diese regelmäßig ausverkauft waren und sagte Gastspiele bei internationalen Festivals ab. Dafür lud er Produktionen anderer Theaterhäuser ein, zu deren Premieren aber oft nur eine Handvoll BesucherInnen erschien. Die Auseinandersetzung wurde in den Kommentaren der polnischen Medien intensiv diskutiert. Zur gleichen Zeit formierte sich eine unabhängige Initiative mit dem Namen „Teatr Polski im Untergrund” („Teatr Polski w Podziemiu“), welche die abgesetzten Stücke aufführte. Manche der entlassenen SchauspielerInnen waren auf der Suche nach Arbeit in andere Städte umgezogen. Dann überschlugen sich die Ereignisse: Dieselben Kräfte innerhalb der Polnischen Volkspartei der Woiwodschaft Schlesien, die zuvor die Bestellung von Cezary Morawski zum Direktor betrieben hatten, beschlossen nun, ihn angesichts der breiten Kritik wieder zu entlassen. Dieses Ansinnen wurde allerdings von Paweł Hreniak, dem Präsidenten der Woiwodschaft Schlesien von der PiS, verhindert. Zur selben Zeit hatte sich im Teatr Polski eine Gruppe zur Unterstützung Morawskis gebildet, die sich vorwiegend aus dem technischen Personal und einigen SchauspielerInnen zusammensetzte. Der designierte Nachfolger Morawskis wurde von Mitgliedern dieser Gruppe mit einem Hausverbot belegt und am Zutritt zum Theater gehindert. Mittlerweile steht sogar eine vollständige Liquidation mit anschließender Neugründung des Teatr Polski im Raum, was unter anderem die Kündigung sämtlicher Angestellter bedeuten würde. Nach der Vorstellung der Regierung soll mit diesem Schritt ein konstruktiver Ausweg aus dem Konflikt gefunden werden, für den jedoch in Wahrheit diese selbst verantwortlich ist.

Warszawa, eine andere Situation?

Im Februar 2017 provozierte die Inszenierung „Klątwa“ („Der Fluch“) unter der Regie von Oliver Frljić am Teatr Powszechny in Warszawa (Warschau) eine höchst emotional geführte Debatte. Die Ausrichtung des Stücks war antireligiös und verwendete eine Vielzahl religiöser Symbole, darunter Kreuze, die sich in Maschinengewehre verwandelten und eine Skulptur von Papst Johannes Paul II., die dazu verwendet wurde, verschiedene sexuelle Praktiken zu simulieren. Des Weiteren beinhaltete die Aufführung eine fiktive Spendensammlung für einen angeblichen Anschlag auf Jarosław Kaczyński, dem Vorsitzenden der PiS-Partei. Während die Staatsanwaltschaft bereits damit begonnen hatte, gegen die Verantwortlichen des Stücks wegen Blasphemie und Anstiftung einer Straftat zu ermitteln, richteten sich zahlreiche PolitikerInnen, darunter auch Piotr Gliński, der Minister für Kultur und nationales Erbe, mit Statements an die Öffentlichkeit, in denen die Absage der Premiere gefordert wurde.

 

Die Strategie des kroatischen Regisseurs Oliver Frljić war jener des Teatr Polski in Wrocław anlässlich der Premiere von Jelineks „Der Tod und das Mädchen“ sehr ähnlich. Frljić wollte eine Reaktion provozieren und damit über die Medien eine soziopolitische Debatte auslösen. Innerhalb kürzester Zeit wurde das Theater damit erneut zum Zentrum eines sozialen Konflikts, in dem sich BefürworterInnen und GegnerInnen aus dem ganzen Land gegenüberstanden. Allerdings war es nur einem kleinen Teil beider Konfliktparteien überhaupt möglich, die Aufführung des Stückes zu besuchen, weshalb dessen Inhalte in erster Linie über die Medienberichterstattung kommuniziert wurden. Die Argumente beider Seiten vermochten kaum zu überraschen – während die einen die Bedeutung des Stücks für die Auseinandersetzung mit der dominanten Rolle der katholischen Kirche in Polen betonten, taten die anderen das Stück als Gotteslästerung ab. Die Kritik von VertreterInnen der PiS verlagerte sich jedoch schnell von religiösen Argumenten auf die Spendensammlung für den vermeintlichen Anschlag auf den eigenen Vorsitzenden, mit dem Ziel, die politische Gegenseite in der Stadtregierung in Warszawa unter Druck zu setzten, die für die Finanzierung des Teatr Powszechny zuständig ist. Damit gelang es den InitiatorInnen eines Theaterstücks erneut, die Regierungspartei vor laufenden Kameras in ein politisches Spiel hineinzuziehen, bei dem offensichtlich wurde, dass es nicht um religiöse Werte, sondern allein um einen Machtgewinn geht.

Mittlerweile ist das Thema aus den Medien wieder verschwunden. Die Staatsanwaltschaft ist weiterhin mit Erhebungen beschäftigt. Der Meinung einiger JournalistInnen zufolge hilft die allgemeine Verwirrung nur dem Spektakel. Die Sache ist also beinahe vergessen. Was allerdings quer durch alle Parteien bestehen bleibt, ist die Angst vor der Kraft des Theaters. Es gibt nämlich keine geeignete Strategie, ein Feuer zu löschen, das an immer mehr Theatern ausbricht und bei jedem Löschversuch noch größere Kontroversen auslöst. Ein weiterer Akt des Spektakels trug sich bald darauf in Kraków (Krakau) zu.

Powszechny Theater

Unerwartete Veränderungen

Im Mai 2017 wurde an einer der wichtigsten Bühnen Polens, dem Narodowy Stary Teatr in Kraków, eine neue Leitung bestellt. Diese Institution gilt als Ikone der polnischen Theatertradition und steht seit vielen Jahren für visionäre Theaterkunst, die auch den intensiven Austausch mit dem Publikum sucht. Wie auch das Teatr Polski in Wrocław wird das Narodowy Stary Teatr in Kraków vom Ministerium für Kultur und nationalem Erbe zum Teil finanziert und verwaltet. Die Bewerbung von Jan Klata, der das Theater seit 2013 geleitet hatte, war im Ausschreibungsverfahren genauso abgelehnt worden, wie die zahlreicher anderer bekannter BewerberInnen. Das Ministerium für Kultur und nationales Erbe, welches durch die Entsendung von fünf VertreterInnen in die Kommission ein großes Gewicht bei der Entscheidung hatte, unterstützte erfolgreich die Nominierung von Marek Mikos als Generaldirektor und von Michał Gieleta als künstlerischen Leiter. Während es sich bei Mikos um einen Theaterkritiker und ehemaligen Leiter von TVP Kielce, einem regionalen Fernsehsender, handelt, ist Gieleta zuvor als Regisseur vorwiegend im Ausland tätig gewesen. Das Ministerium brachte wiederholt seine Genugtuung über die Entscheidung zum Ausdruck, die MitarbeiterInnen und das Publikum waren hingegen größtenteils schockiert. So schwellte innerhalb weniger Tage eine Welle des Protests an, die sich in Demonstrationen, zahlreichen Stellungnahmen und Leserbriefen sowie einer breiten öffentlichen Diskussion entlud.

Der Vergleich mit dem Fall des Teatr Polski in Wrocław lässt auf eine ähnliche Strategie der Politik schließen, mit dem Ziel, Risiken zu vermeiden; etwa dem Risiko, dass ein Spektakel oder eine öffentliche Diskussion oppositionelle Kräfte hervorbringen könnte, die sich später einmal zu einer realen Bedrohung für die Regierenden entwickeln könnten. Es stellt sich jedoch die Frage, ob es sich dabei um eine effektive Strategie handelt, oder ob eine derartige Vorgehensweise nicht die Entstehung noch stärkerer oppositioneller Bewegungen fördert?

 

Lässt sich diese Tendenz stoppen?

Heute ist die Stimmung in Polens Theaterlandschaft spürbar angespannt. Immerhin haben die Solidarität, der Protest und die vielen öffentlichen Stimmen gezeigt, dass eine alternative Entwicklung möglich ist.  Es gibt eine breite Tendenz zu einer aktiven Form sozialen Engagements, die sich mehr an der Idee des zivilen Widerstands orientiert als an einer gesellschaftlichen Integration an der Seite der regierenden Partei.

 

Die Gesellschaft profitiert von dieser Entwicklung; doch sie verliert auch etwas. Mit dem Verlust ihrer hervorragenden und gut eingespielten Ensembles und den Spektakeln wendet sich auch das Stammpublikum von den Theatern ab. Manche der abrupten Einschnitte und unverantwortlichen Entscheidungen sind nicht mehr rückgängig zu machen, ähnlich eines gerodeten Waldes, der sich nicht allein mit der Pflanzung ein paar neuer Bäume wieder aufforsten lässt. Die Spirale aus Aktion und Reaktion, die ihren Ausgangspunkt bereits vor einigen Jahren genommen hat, lässt weitere Ausbrüche befürchten und eine Rückkehr zum ursprünglichen Zustand immer unwahrscheinlicher erscheinen.

 

Es wird sich noch zeigen, ob das Erwachen des gesellschaftlichen Widerstandes zur Eskalation des Konflikts beitragen oder ob die Bewegung in Vergessenheit geraten wird. Möglicherweise werden PolitikerInnen eines Tages selbst zum Problem für die Autoritäten (von links bis rechts), wenn sie weiterhin versuchen, der Kultur ihre Ideologien aufzuzwingen und damit doch nur das angepasste Mittelmaß fördern. Üblicherweise sind die sozialen Unterschiede immer stärker als der soziale Konsens. Schon in der Antike hat Theater immer die Realität kommentiert, sie lächerlich gemacht und herausgefordert, und hat sich damit viele FreundInnen und genauso viele FeindInnen gemacht. Die enorme Kraft des Theaters wird auch an zahlreichen Beispielen sichtbar: etwa dem „Theater der Unterdrückten“ des Brasilianers Augusto Boal, dem „Bread and Puppet Theatre” des US-Amerikaners Peter Schumann, oder anhand der russischen Performance-Gruppe „Pussy Riot“. Wenn man überlegt, eine offene Auseinandersetzung mit dem Theater zu führen, dann sollte man sich dieser Beispiele bewusst sein, denn das Theater war immer schon ein Ort des gemeinsamen künstlerischen wie sozialen Ausdrucks und der Freiheit – und es wird es auch immer bleiben.

 

 

Literatur in Kästchen? 

 

Bücher:

Bauman, Zygmunt: Life in Fragments: Essays in Postmodern Morality. Oxford & Cambridge: Blackwell, 1993.

Debord, Guy: The society of the spectacle. New York: Zone Books Edition, 1994.

 

 

Artikel:

Agence France Presse (AFP): Polish prosecutors investigate play that features sex scenes with statue of Saint John Paul II. http://www.thejournal.ie/controversy-polish-play-pope-3253895-Feb2017/ (15. 5. 2017).

Karpiuk, Dawid: „Klątwa” w Teatrze Powszechnym to spektakl jakiego Polska potrzebuje. Dlaczego? http://www.newsweek.pl/opinie/-klatwa-w-teatrze-powszechnym-najwazniejszy-spektakl-ostatnich-lat-,artykuly,405741,1.html (15. 5. 2017).

Karpiuk, Dawid: Dyktatura średników. http://www.e-teatr.pl/pl/artykuly/242010.html (15. 5. 2017).

Konopko, Aleksandra: Sztuka protestu. http://www.didaskalia.pl/109_konopko.htm (15. 5. 2017).

Kołodyńska, Agnieszka: „Śmierć i dziewczyna” – skandalu nie było. http://www.wroclaw.pl/smierc-i-dziewczyna-skandalu-nie-bylo (15. 5. 2017).

Krawczyk, Dawid: Mieszkowski: protest w teatrze wciąż się tli. http://krytykapolityczna.pl/kraj/miasto/mieszkowski-protest-w-teatrze-wciaz-sie-tli/ (15. 5. 2017).

Krupiński, Wacław: Sensacyjna zmiana w Starym Teatrze. Klata przegrał konkurs na dyrektora. http://www.dziennikpolski24.pl/aktualnosci/a/sensacyjna-zmiana-w-starym-teatrze-klata-przegral-konkurs-na-dyrektora,12061848/ (15. 5. 2017).

Ministerstwo Kultury i Dziedzictwa Narodowego: Komunikat ws. zajść przed Teatrem Powszechnym w Warszawie. http://www.mkidn.gov.pl/pages/posts/komunikat-ws.-zajsc-przed-teatrem-powszechnym-w-warszawie-7325.php (15. 5. 2017).

Piekarska, Magda: Teatr Polski w podziemiu wystawia pierwszą premierę w sezonie. http://wroclaw.wyborcza.pl/wroclaw/1,35771,21213143,teatr-polski-w-podziemiu-wystawia-pierwsza-premiere-w-sezonie.html (15. 5. 2017).

Piekarska, Magda: Wrocław. Rozwiążą Teatr Polski. http://www.e-teatr.pl/pl/artykuly/241501.html%0A (15. 5. 2017).

 

 

Bilder (Copyright: Creative Commons bzw. Public Domain):

Bild 1: Teatr Polski in Wrocław (Foto: Michał460) https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Teatr_Polski_we_Wroc%C5%82awiu.jpg

Bild 2: Teatr Powszechny in Warszawa (Foto: Paweł Rudzki) https://pl.wikipedia.org/wiki/Plik:POL_Warszawa_Teatr_Powszechny_2.jpg

Bild 3: Narodowy Stary Teatr in Kraków (Foto: Jakub Hałun) https://pl.wikipedia.org/wiki/Plik:20110514_Krakow_Teatr_Slowackiego_9264.jpg

 

 

[i] Aus dem Englischen übersetzt von Chris Hessle.

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