Warum die Prekarisierung von Arbeit auch die Demokratie gefährdet

Prekäre Arbeit betrifft natürlich in erster Linie die prekär Beschäftigten selbst. Ihre Arbeit ist zeitlich begrenzt, sie können nicht oder nur schlecht von ihrem Einkommen leben oder sie sind unfreiwillig Teilzeit beschäftigt. Oft ist ihr Arbeitsplatz auch unsicher und bietet wenig arbeitsrechtlichen Schutz. Dabei tragen vor allem die generelle Unplanbarkeit, die Einkommensunsicherheit sowie die fehlende Anerkennung und Eingebundenheit dazu bei, dass die Menschen eine – beispielsweise befristete – Beschäftigung als prekär erleben.

Die Prekarisierung von Arbeit geht jedoch weit über diese individuelle Ebene hinaus. Sie ist ein sozialer Prozess, der die Unternehmen und die Gesellschaft insgesamt betrifft und dessen Auswirkungen inzwischen unübersehbar sind: So führt das Aufeinandertreffen von festangestellten und prekär beschäftigten Menschen in den Unternehmen dazu, dass beide Beschäftigtengruppen unter Druck geraten. Erstere beobachten die instabilen Arbeitsbedingungen ihrer prekären Kolleg*innen und befürchten eine Verschlechterung der eigenen Arbeitsbedingungen, Arbeitsplatzverlust und sozialen Abstieg. Die prekär Beschäftigten müssen sich wiederum ständig aufs Neue beweisen und untereinander um die seltenen Möglichkeiten einer fixen Übernahme konkurrieren. In der Folge – und dies sind nur einige Auswirkungen, die wir bislang beobachten können – stimmen Festangestellte häufig schlechteren Arbeitsbedingungen zu, die Produktivität steigt auf Kosten der physischen und psychischen Gesundheit aller Beschäftigten und der Zusammenhalt unter den Kolleg*innen sinkt.

Für die Erwerbstätigen insgesamt bedeutet dies, dass sich aufgrund von Prekarisierungsprozessen Arbeit weiter verdichtet, Arbeitsbelastungen zunehmen und dass das, was bislang als Standard für gute Arbeitsbedingungen anerkannt war, nach unten korrigiert wird. Widerstand – ob individuell oder kollektiv – wird in diesem Gefüge immer schwieriger, denn der Großteil an verfügbarer Energie muss für Selbstoptimierung und die Aufrechterhaltung der Arbeitskraft aufgewendet werden. Auf gesellschaftlicher Ebene steigt dementsprechend die Ungleichheit zwischen Arbeit und Kapital weiter an.

Mit der zunehmenden Prekarisierung der Arbeitswelt einher gehen auch rechtspopulistische Einstellungsmuster. Sie können als direkte Folge von Prekarisierungsprozessen und dementsprechend auch in allen Beschäftigtengruppen beobachtet werden. Dabei nähren sie sich aus unterschiedlichen, mit der Arbeitswelt in Zusammenhang stehenden Erfahrungen: So entlädt sich bei prekär beschäftigten Menschen häufig Wut über die Unkontrollierbarkeit ihrer Situation in einer Ablehnung von „denen da oben“ und „den Fremden“. Befürchten festangestellte Menschen Arbeitsplatzverlust und Abstieg, betonen sie im wahrgenommenen Konkurrenzkampf um schwindende Ressourcen häufig ihre Vorrechte gegenüber „den Fremden“. Beschäftigte wiederum, die sich mit den Anforderungen des Marktes identifizieren, gleichzeitig jedoch unter hohem Leistungsdruck stehen, fordern auch von „den Fremden“, sich entsprechend anzupassen und zu leisten.

Diese fremdenfeindlichen Interpretationen von Prekarsierungsprozessen sind jedoch weder vorbestimmt noch alternativlos – sie entstehen vielmehr aus dem dominierenden politischen Diskurs heraus: Suchen Menschen Erklärungen für die Veränderungen in der Arbeitswelt bzw. für das, was sie bei der Arbeit erleben, stoßen sie seit zumindest zwanzig Jahren zu allererst auf fremdenfeindliche Deutungsmuster. Systemkritische Alternativen sind demgegenüber kaum hörbar.

Die Auswirkungen von Prekarisierungsprozessen gehen noch einen Schritt weiter und betreffen inzwischen auch das politische System. So vertrauen prekär beschäftigte Menschen den demokratischen Institutionen weniger, sie fühlen sich seltener von Politiker*innen wahrgenommen und sie bezweifeln ihre Mitsprachemöglichkeiten im politischen Prozess. Dies hängt direkt mit ihren Arbeitsbedingungen zusammen: Das Vertrauen in die Demokratie und in ihre Institutionen sinkt dabei vor allem dann, wenn Arbeitsbedingungen nicht einmal ein Mindestmaß an Planbarkeit ermöglichen, wenn durchgehend über die Grenzen der Leistungsfähigkeit hinaus gearbeitet werden muss, wenn das geltende Arbeitsrecht seitens der Arbeitgeber*innen nicht eingehalten wird und wenn diese unterschiedlichen Gruppen von Beschäftigten ungleich behandelt. 

Ein Teil der prekär beschäftigten Menschen – im Besonderen jene mit geringeren finanziellen Möglichkeiten – beteiligt sich auch immer weniger an den politischen Aushandlungs- und Entscheidungsprozessen. Sie gehen also beispielsweise selten zu Wahlen und sind kaum in Interessensvertretungen oder in anderen Initiativen aktiv. Damit bekommen ihre Interessen auf politischer Ebene jedoch weniger Gewicht und es setzen sich immer stärker jene Gruppen durch, denen es bereits besser geht.

Prekarisierungsprozesse verstärken also einerseits bereits bestehende Ungleichheiten. Indem sie – in Kombination mit dem herrschenden politischen Diskurs – die Solidarität untergraben und die Menschenfeindlichkeit verstärken, wirken sie sich außerdem negativ auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt aus. Sie tragen schließlich dazu bei, dass Menschen ihr Vertrauen in das politische System verlieren und gefährden damit letztlich die Demokratie selbst.

 


Martina Zandonella ist Sozialwissenschafterin bei SORA. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählen u. a. Bildungsforschung, Demokratie- und Partizipationsforschung.

Foto: Aarón Blanco Tejedor on Unsplash

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Dieser Artikel ist in der Ausgabe „prekär leben“ des Magazins der IG Kultur in Kooperation mit der Arbeiterkammer Wien erschienen. Das Magazin kann unter office@igkultur.at (5€) bestellt werden. 

 

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