Omas gegen Rechts: Revolution in Pension

Monika Salzer ist Psychotherapeutin und Theologin und Gründerin der Omas gegen Rechts, einer zivilgesellschaftlichen Plattform, die sich gegen Rechtspopulismus und Rechtsextremismus einsetzt. Wir haben mit ihr darüber gesprochen, was die Initialzündung war, was sie jüngeren Generationen mitgeben wollen und, wie man Oma gegen Rechts werden kann.
Omas gegen Rechts

Kwasi: Mit Omas verbinden wohl die Wenigsten politischen Widerstand. Wird man da ständig unterschätzt?

 

Salzer: Omas haben in Österreich keine Tradition als politische Kraft. Es ist ungewöhnlich, dass sie auf die Straße gehen, Lieder singen, Reden halten. Das ist neu. Wir haben eine neue Gruppe geschaffen, die sich artikulieren kann. Das ist den Omas auch ganz wichtig. Wenn man zuhause sitzt und nur strickt oder Enkelkinder betreut ist man doch vom öffentlichen Diskurs abgeschnitten. Und in diesen jetzt eingetreten zu sein ist etwas sehr Wertvolles!

 

Kwasi: Spricht man älteren Menschen ab, politisch zu sein?

 

Salzer: Man spricht Frauen ab politisch zu sein und man spricht älteren Frauen ab, sich in der Gesellschaft noch aktiv einzubringen. Die sollen im Patriarchat gefälligst ihren Mund halten. Es ist ja noch nicht so lange her, dass Witwen schwarz tragen mussten. Das habe ich in meiner Jugend im Burgenland noch erlebt. Die waren als Frauen nie eine politische Kraft und im Alter schon gar nicht. Es ist ja noch nicht so lange her, dass Frauen das Wahlrecht erkämpft haben und Politikerinnen werden konnten. Da besetzen sie auch noch nicht die Hälfte der Positionen, sondern viel weniger! Insofern sind wir da schon ziemlich frech und sagen, dass wir uns diesen Platz jetzt nehmen. Und zwar aus einem Verantwortungsgefühl heraus. Aus dem Gefühl heraus, dass wir noch etwas ausrichten können. Weil wir die Generation sind, die von unseren Eltern noch den Auftrag bekommen haben und der lautete nach dem Krieg: Niemals vergessen! Für meine jüdischen Freundinnen, die ihre ganzen Familien verloren hatten – das hat mich schon als junges Mädchen sehr geprägt. Meine Eltern haben vom Krieg erzählt und der Situation der Armut, der Entbehrung und vor allem der Angst. Es war eine sehr traumatisierte Generation. Dieses „Niemals wieder“ müssen wir der Jugend weitergeben, nämlich, was passieren kann, wenn es zu einer Diktatur kommt. Das letzte halbe Jahr oder Jahr in Österreich waren diese Tendenzen zu einer illiberalen Demokratie wie in Ungarn schon deutlich sichtbar. 

 

Kwasi: Waren frühere Generationen politischer?

 

Salzer: Meine Jugend war eine sehr politische Zeit. Ich war 1968 zwanzig Jahre alt, habe Psychologie studiert. Es war eine aufregende Zeit, man hatte den Eindruck, man könne die Welt beeinflussen. Wir sind auf die Straße gegangen, wir haben gegen die Altvorderen demonstriert. Damals wurde in der Politik auch nicht die Wahrheit gesprochen, die ganzen Nazis waren ja noch unter uns. Den Spruch von Ingeborg Bachmann: „Die Wahrheit ist den Menschen zumutbar,“ haben wir damals verinnerlicht. Das haben wir damals den Älteren ins Gesicht gesagt. Es war eine Zeit des Widerstands, gegen Atomkraft, gegen den Vietnamkrieg. Wir waren ja auch mit neuem Schrecken konfrontiert. Es herrschte eine totale Friedenssehnsucht. Wir sehen das als Auftrag, das weiterzureichen. Ich habe letztens im Radio gehört, dass die Jugend nicht mehr weiß, was der Holocaust war. Das ist erschütternd! Es muss ein Geschichtsbewusstsein weitergegeben werden. Und das ist unsere Aufgabe als Großmütter.

 

Kwasi: Heute hat man nicht unbedingt den Eindruck, selbst viel ausrichten zu können.

 

Salzer: Die Jugend hält sich für frei, aber die Beschäftigung mit den Internetmedien spiegelt oft auch eine Freiheit vor, die es gar nicht gibt. Ich verstehe als Freiheit, sich um die Demokratie kümmern zu können. Die wahre Freiheit wird durch Systeme geschaffen, die Menschen gleichberechtigen, die Menschen Arbeit und Würde geben. Wichtig ist der Erhalt des Sozialstaates und der Demokratie. Und darum muss die Jugend jetzt kämpfen. Wir möchten gern dieses Bewusstsein weitergeben.

 

Kwasi: Ich finde spannend, dass sich Bewegungen wie die Omas gegen Rechts gerade in Zeiten des Rechtspopulismus und der Konjunktur des starken Mannes einfinden. Gibt es da einen Zusammenhang?

 

Salzer: Ja, wahrscheinlich sind wir eine Gegenbewegung. Es gibt auch starke Frauen und die Freiheit im Alter ist die, dass man nicht von der Arbeit abhängig ist und auch Kinder hat, die schon groß sind. Außerdem sind wir zum Großteil Feministinnen. Wir stehen dazu Frauenrechtlerinnen zu sein und möchten jungen Frauen zu ihren Rechten verhelfen. Es ist ein bescheidener Beitrag, den wir im Rahmen der Zivilgesellschaft leisten. Aber uns ist gelungen, eine Art Kultfigur zu werden. Dazu hat uns die Jugend gemacht. Und die Anerkennung der Jugend war von Anfang an unsere Chance.

 

Kwasi: Dabei waren die sozialen Medien wohl doch hilfreich!

 

Salzer: Sicher, aber es ist vor allem wichtig, was vor Ort passiert! Es gab viele Demonstrationen. Und es sind ja nicht so viele Omas aktiv. Wir sind vielleicht 200, die in ganz Österreich aktiv sind. Aber diese sehr aktiven Frauen schaffen es, das Bild zu vermitteln, dass wir der Jugend den Rücken stärken. Wir möchten euch helfen, diese Demokratie zu retten. Wir sehen die Gefahr von Rechtsaußen sehr klar, weil wir unsere Geschichte haben und gesehen haben, was passieren kann. Und wir durften den Aufbruch Europas miterleben. Das war ein Geschenk für uns, diese Zukunftshoffnung. Es gab diese Finanzmärkte, diesen überbordenden Finanzkapitalismus auch noch nicht wie heute, die einen großen Teil an Arbeit und menschlicher Existenz zunichtemachen.

Kwasi: Sie sprechen jetzt auch Wirtschaftskritik an. Man sieht Sie aber auch auf Demos gegen Rassismus und Sozialabbau. Sie haben auch schon Feminismus angesprochen, auf Ihrer Website findet man auch ein Zitat von Simone de Beauvoir. Haben die Omas gegen Rechts einen klaren Wertekanon?

 

Salzer: Wir haben vier Felder in denen wir retten wollen, was zu retten ist. Das ist der Sozialstaat, die Demokratie, der Rechtsstaat und die Frauenrechte. Diese vier Bereiche haben wir von Anfang an festgelegt. Wir werden uns jetzt auch beim „Friday for Future“ engagieren, aber wir können leider nicht überall mitmachen. In diesen letzten eineinhalb Jahren war der Kampf gegen diese Regierung im Vordergrund.

 

Kwasi: Wie hat sich die Gruppe gegründet?

 

Salzer: Ich habe die Gruppe nach den Wahlen in der Nacht nach der Beerdigung meiner Mutter gegründet. Ich habe mir gedacht, dass ich nicht ertragen kann, diese FPÖ in der Regierung zu sehen. Wir wussten schon, was das bedeutet, nachdem die erste schwarzblaue Regierung gescheitert ist und sich gezeigt hat, wie korrupt viele dieser Politiker waren und welche Ideologie sie verfolgen. Man konnte ja in den letzten Monaten sehen, was da alles hochgekommen ist.
Als ich Fotos für die Beerdigungsfeier aussortiert habe, fand ich viele Bilder von meinen kämpferischen Vorfahrinnen: Meine Urgroßmutter, Hebamme im zehnten Bezirk, meine Großmutter, Sekretärin in einem Ganztagesjob und auch meine Mutter war eine sehr kämpferische Frau. Ich dachte mir, die haben alle in Zeiten gelebt, die wirklich nicht einfach waren. Es waren harte Zeiten mit hoher Kindersterblichkeit. Trotzdem waren sie kämpferische Frauen, die sich in geheimen Vereinen getroffen haben und dort ihre politische Arbeit gemacht haben. Was die sich getraut haben, das müssen wir uns auch trauen. Im schlimmsten Fall gehe ich auch ins Gefängnis, wenn es sein muss, aber ich werde da Widerstand leisten. Ich glaube, es war in dieser Situation auch die Trauer, die mir klargemacht hat, was wichtig ist und was nicht wichtig ist im Leben.

 

Kwasi: Hatten Sie da schon Freundinnen oder Bekannte, die sie involvieren konnten?

 

Salzer: Ich lebe schon lange, natürlich habe ich Kontakte zu anderen Menschen. Aber am Wesentlichsten war tatsächlich, dass ich auf Facebook gegangen bin. Susanne Scholl hat sich dann sofort gemeldet und wir haben uns getroffen. Wir beide waren dann diejenigen, die die Omas nach außen hin repräsentiert haben. Dann hat sich ein internes Team, ein kreatives Team gebildet und so weiter. Innerhalb von einem Monat sind wir dann schon mit unserem Lied, den Mützen und den Buttons auf die erste Demo gegangen. Da hatten wir dann sehr schöne Erlebnisse. Ein junger Mann, wie Sie, ist da schon auf uns zugekommen und hat gefragt, ob er einen Button für seine Oma haben könnte. Das hat uns total gerührt. Andere haben mitgetanzt mit unserem Lied. Ich habe es jetzt auch bei der großen Demonstration am Samstag am Ballhausplatz gesehen, wie viele mitgesungen und applaudiert haben, als eine Oma auf die Bühne gestiegen ist.

 

Kwasi: Meine Mutter könnte sich dafür durchaus interessieren. Das einzige, dass sie aufhält, ist vielleicht, dass sie keine Enkelkinder hat.

 

Salzer: Das macht nichts!

 

Kwasi: Wie kann man Oma gegen Rechts werden?

 

Salzer: Bei uns kann jeder Oma gegen Rechts werden, Jung und Alt. Es ist ein Begriff für Widerstand gegen Rechts geworden. Wir haben auch Männer bei uns, die kein Problem damit haben, Oma gegen Rechts zu sein und wir haben auch junge Menschen, die uns helfen. Die meisten sind von 55 bis 75, aber es gibt auch jüngere. Wir haben eine Homepage und da gibt es Adressen, an die man schreiben kann.

 

Monika Salzer, Omas gegen Rechts

 

Monika Salzer ist Psychotherapeutin und Theologin und Gründerin der Omas gegen Rechts, einer zivilgesellschaftlichen Plattform, die sich gegen Rechtspopulismus und Rechtsextremismus einsetzt. 

 

 

 

 

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