Landeskulturkonferenz 2008

Kultur in Arbeit, am 7. Oktober 2008 um 18 Uhr, im „Schaumbad - Freies Atelierhaus Graz", Starhemberggasse 4, 8020 Graz.

Kultur in Arbeit

am 7. Oktober 2008 um 18 Uhr
im „Schaumbad - Freies Atelierhaus Graz", Starhemberggasse 4, 8020 Graz

Ob bzw. welche Rolle Kulturarbeit in der aktuellen Kultur- uns Arbeitsmarktpolitik spielt, darüber diskutierten:

Dr. Kurt Flecker, Kultur- und Soziallandesrat, 2. Landeshauptmann- Stellvertreter

Mag. Karl-Heinz Snobe, AMS-Landesgeschäftsführer Steiermark

Dr. Juliane Alton, Obfrau "IG Kultur Österreich", Geschäftsführerin "IG Kultur Vorarlberg"

Anita Hofer, "Kultur in Graz"

Gerd Kronheim, Geschäftsführer des sozialökonomischen Betriebs "Bicycle" und Obmann des "Netzwerks Beschäftigungsbetriebe Steiermark.


Michael Petrowitsch begrüßt die Gäste im „Schaumbad“.

Petrowitsch: Im steiermärkischen Kunst- und Kulturförderungsgesetz steht, dass allgemeine kulturpolitische Fördermaßnahmen insbesondere in der „Kooperation und Ausnutzung von Synergien mit längerfristigen arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen“ bestehen. Herr Flecker, ist das in den letzten Jahren als Kulturreferent ausreichend geschehen?

Flecker: Ich möchte als Kulturreferent auf drei Dinge hinweisen: Erstens ermöglichen wir von der Kulturabteilung des Landes Steiermark, dass Arbeitsplätze erhalten werden, wie zum Beispiel am Landesmuseum Joanneum. Zweitens initiieren wir auch Arbeitsplatzbeschaffung, wie durch die Regionale. Und drittens unterstützen wir KünsterInnen, die vom Markt abhängig sind und nicht überleben könnten, indem wir sie mit Förderungen unterstützen.

Als Sozialreferent kann ich sagen, dass wir in Kooperation mit dem AMS St:WUK-Projekte finanzieren. Dadurch entstehen auch Arbeitsplätze im Kulturbereich. Über Erlässe von Seiten des Bundes-AMS kommen wir allerdings nicht hinweg.

Petrowitsch: Inwieweit ist das AMS Steiermark von den Vorgaben des Bundes abhängig, Herr Snobe?

Snobe: Wir als Landes-AMS sind für das Budget, das wir vom Bund bekommen, selbst verantwortlich und können damit frei verfügen. Die Verteilung obliegt dem Land. 2007 ist aufgrund von Qualifizierungsmaßnahmen Geld weggefallen. Dadurch ergibt sich für uns ein engerer Spielraum für Beschäftigungsprojekte. Eine Maßnahme ist zum Beispiel, die Dauer der Projekte zu verkürzen. Das Budget können wir aber nicht erhöhen.

Petrowitsch: Das St:WUK-Projekt ist einzigartig in Österreich und ich glaube auch in Europa.

Frau Alton, Sie kommen ja aus Vorarlberg, wie sehen Sie das?

Alton: St:WUK ist wirklich etwas, worauf man aus den anderen Bundesländern neidisch blickt. Es ist allerdings schwierig, in sechs bzw. neun Monaten die Leute aufzubauen. Um nachhaltig sein zu können, braucht es mindestens ein Jahr. Ich habe versucht, ins steirische Budget hineinzuschauen und versucht, es mit Vorarlberg zu vergleichen. Es wird im Moment ein acht Kilometer langes Autobahnstück um € 140 Mio. gebaut. Das ist das Kulturbudget für zehn Jahre. Kultur bedeutet auch Infrastruktur, nicht nur Straßenbau. Ich zitiere aus der EU-Studie „The Economy of Culture in Europe“ von 2006: „Kultur und Kreativität, die mit einer sozialen Zielstellung einhergehen, tragen zu einer nachhaltigen Entwicklung und Gesellschaft bei.“ Das ist auch ökonomisch gemeint. Nachdem ein Großteil der Infrastruktur vorhanden ist, wäre es möglich, öffentliche Gelder in Kultur und Beschäftigung umzuschichten.

Flecker: Ich trau mich nicht zu sagen, dass die Infrastrukturmaßnahmen fertig sind und der Straßenbau unwichtiger ist. Ich bin als Kulturreferent froh, dass ich mein Budget halten kann. Als Sozialreferent habe ich wesentlich größere Probleme beim Budget. Soziale Absicherung zu betreiben ist mit dem vorhandenen Budget eine große Herausforderung. Das Kulturbudget ist ausreichend, um eine gute Kulturpolitik zu machen.

Petrowitsch: „KiG“ gibt es seit zehn Jahren. Damals gab es 14 Transitarbeitsplätze, wie ist die Situation heute, Anita?

Hofer: Jetzt ist die Situation eine andere: Es sind nur mehr sieben Personen. Ich möchte eingangs ein paar Zahlenspiele betreiben. Laut einer unveröffentlichten Studie des bm:ukk zur sozialen Lage von KünstlerInnen in Österreich leben 37% von einem Jahreseinkommen unterhalb der Armutsgrenze, das sind 6216 Personen. Von den KünstlerInnen stammen 12,6% aus der Steiermark, das sind 2116 Personen. 37% davon sind 783 KünstlerInnen, die unter der Armutsgrenze leben. Es gibt in der Steiermark ca. 300 autonome Kulturinitiativen mit unterschiedlichen Zahlen an Beschäftigten. Es sind im Durchschnitt ungefähr zwei bis drei Beschäftigte. Zwei Drittel ihres Budgets fließen in Produktions- und Infrastrukturkosten, das heißt in marktwirtschaftliche Unternehmen. Ein Drittel fließt in Personalkosten. Im Vergleich dazu: Das Landesmuseum Joanneum verwendet 80% des Budgets für Personalkosten. Dazu kommt, dass ein nicht unerheblicher Teil an die Kommunen durch Steuern und Abgaben – ca. 5 bis 10% - zurückfließt. Wie hoch der Prozentsatz der Armutsgefährdung bei KulturarbeiterInnen ist, ist nicht zu eruieren. St:WUK-Projekte sind eine einzigartige Maßnahme, um Arbeitsplätze im Kulturbereich zu schaffen. Sie erhöhen maßgeblich die Zahl der Arbeitsplätze und tragen dazu bei, das Lohnniveau zu steigern. Die Beschäftigten stammen auch aus anderen Berufsgruppen. 600 Personen haben von 1999 bis 2008 in den Projekten Arbeit gefunden. 60% davon, also 360 Personen, wurden in den 1. Arbeitsmarkt vermittelt. 40%, das sind 240 von 620 Personen, blieben im Kulturbereich beschäftigt. Die Nachhaltigkeit ist enorm. Das ist aber nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Es muss noch viel mehr in den Kulturbereich investiert werden. Vom AMS kann man das nicht erwarten, das ist nicht seine Aufgabe. Das Land müsste vermehrt in den Kulturmarkt investieren!

Petrowitsch: Die St:WUK-Projekte sind Vorzeigeprojekte. Denken Sie daran, diese auszuweiten?

Snobe: Die Projekte sind erfolgreich, aber auch andere Projekte dieser Art sind erfolgreich. Man muss unterscheiden zwischen sozialer Absicherung von KünstlerInnen und Transitarbeitskräften. Das sind keine KünstlerInnen, sondern Langzeitarbeitslose.

Hofer: Hier muss man aber sagen, dass KünstlerInnen, die von ihrer Kunst nicht leben können, oft in anderen Berufen tätig sind. In den Beschäftigungsprojekten ist die Zahl derer, die künstlerisch tätig sind, sehr hoch. Ein Wermutstropfen ist, dass prekär Beschäftigte nicht erfasst sind und keine Möglichkeit haben, in einem solchen Projekt unterzukommen.

Petrowitsch: Herr Kronheim, Sie betreiben seit beinahe zwei Jahrzehnten den sozialökonomischen Verein „Bicycle“ und sind Obmann des „Netzwerks Beschäftigungsbetriebe Steiermark“ und bekennen sich zum 2. Arbeitsmarkt.

Kronheim: Bei den „Beschäftigungsbetrieben Steiermark“ sind auch einige Vereine Mitglieder, die im Kulturbereich tätig sind. Es ist so, dass viele Transitarbeitskräfte Karrieren hinter sich haben, die von geringfügig beschäftigt über selbstständig und Kurzzeitanstellungen führen. Das Problem dabei ist, dass viele nicht genügend Arbeitslosenzeiten zusammenbekommen, um in einem Beschäftigungsprojekt Arbeit zu finden. Wenn ich heute höre, dass 37% der KünstlerInnen unter der Armutsgrenze leben, dann denke ich, dass sich hier Sozial- und Kulturbereich überschneiden. Die bedarfsorientierte Mindestsicherung wäre sicher eine Chance, denn viele KünstlerInnen nehmen keine Sozialhilfe in Anspruch. Nach diesem Wahlergebnis denke ich allerdings, dass es die Mindestsicherung schwer haben wird. Etwas ketzerisch möchte ich hier anmerken, dass man im Moment bei der Sicherung von Sparbucheinlagen sieht, wie schnell die Mindestsicherung umzusetzen wäre.

Flecker: In der bedarfsorientierten Mindestsicherung sehe ich eine große Gefahr darin, dass die Gesellschaft sich dann von ihrer Verantwortung entbunden fühlt, ihre Pflichten für die Arbeitsmarktsicherung wahrzunehmen. Und man muss aufpassen, dass das rauskommt, was man darunter versteht.

Alexia Schrempf-Getzinger, TAG: Wir von den Kulturprojekten haben Angst, dass die Verweildauer, die schon von zwölf auf neun Monate gekürzt worden ist, noch weiter gekürzt wird. Die Vermittlung ist nun viel schwieriger. Man wird überall beschnitten. Die Schwerpunktsetzung auf die niederschwellige Arbeit führt unsere Arbeit ad absurdum. Wenn unsere Arbeitskräfte schlecht ausgebildet sind, funktionieren die Kulturprojekte nicht mehr. Man müsste nur € 600.000.- in die Hand nehmen, dann könnte man die Arbeitskräfte drei Monate länger beschäftigen.

Snobe: Das goldene Zeitalter von St:WUK ist vorbei, obwohl die Steiermark nach wie vor die höchste Dichte an Beschäftigungsprojekten hat. Auch die Verweildauer ist die höchste in ganz Österreich. Heuer war es ein schwieriges Jahr: Es standen 12 Mio. zur Verfügung. Nächstes Jahr wird das Budget auf 14,8 Mio. erhöht werden. Auch die St:WUK-Projekte, für die in diesem Jahr 1,4 Mio. zur Verfügung standen, werden 2009 1,7 Mio. bekommen.

Flecker: Das Dilemma ist, dass die Qualifizierungsmaßnahmen für metallverarbeitende Berufe zu Lasten anderer Dinge gegangen sind.

Hofer: Das Problem ist, dass das AMS keinen kulturpolitischen Auftrag hat. Hier müsste das Land einspringen.

Alton: Das AMS hat insofern einen kulturpolitischen Auftrag, als es bedarfsorientierte Maßnahmen anbieten muss.

Flecker: Über die Basissubventionen fördern wir direkt Arbeitskräfte und es gibt keine Einschränkungen.

Alexia Schrempf-Getzinger, TAG: St:WUK-Projekte sind nicht nur Kultur-, sondern auch Wissenschafts- und Naturprojekte. Die bekommen extra Geld aus dem Umwelt- und Wissenschaftsressort.

Kronheim: Ich denke eine Mindestsicherung würde eine positive Änderung für die KünstlerInnen bringen. Zum Beispiel auch für jene Leute, die die Vormerkzeiten nicht erfüllen. Bei 37% KünstlerInnen, die unter der Armutsgrenze leben, muss sich auch das AMS etwas überlegen. Das ist eine neue Zielgruppengröße. Hier ist auch das Sozialressort gefragt.

Im Anschluss an die Veranstaltung öffneten die KünstlerInnen ihre Ateliers:

Daniel Bergmayr, Sarah Brandstätter, Isabel Espinoza, Karl Grünling, Reni Hofmüller, Stefan Krasser, Christof Neugebauer, Igor Petkovic, Florian Roszkopf, Robert Riedl, Klaus Schrefler, Eva Ursprung/Stefan Schmid, The Syndicate, Kathrin Velik, Robert Vogel, Markus Wilfling.

Sound: DJ punkt.acht

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