Kulturräume sichern

Auf der Suche nach Antworten für gegenwärtige Herausforderungen. Ein Tagungsbericht der Zukunftsdialoge #1 vom 15.12.2017 in Graz

Kulturräumen kommt nicht allein durch ihre Funktion als Treffpunkte für Kunst- und Kulturinteressierte Bedeutung zu – sie sind insbesondere als Arbeits-, Produktions- und Denkräume für Kunst- und Kulturschaffende von Relevanz. Seitens der Politik wird der Wert dieser Orte allerdings zunehmend anhand ihres Nutzens für die Aufwertung der Stadt bemessen. Nicht nur dass sie sich verwertbar machen müssen, als Folge des Zusammenwirkens von neoliberalen und rechtskonservativen bis rechtsextremen Ideologien sehen sie sich politisch motivierten Interventionen ausgesetzt. In welcher Form diese Angriffe zutage treten und welche Strategien gegen bestehende oder künftige Bedrohungen von rechts entwickelt werden können, ist bei der ersten Tagung der neu konzipieren IG Kultur Steiermark Veranstaltungsreihe „Zukunftsdialoge“ (15. Dezember 2017, Foyer Radio Helsinki Graz) von Kulturschaffenden und -aktivistInnen mittels konkreter Beispiele und einer anschließenden Podiumsdiskussion erörtert worden.

 

In ihrem einführenden Vortrag strich Magdalena Augustin (DJ Kollektiv „Gassen aus Zucker“, IG Kultur Wien) die Wichtigkeit von Kulturräumen heraus: Selbst verwaltete oder von unten organisierte Räume können Empowerment, Integration und Unternehmensgeist fördern sowie insgesamt einen Beitrag auf dem Weg hin zu einer mündigen und fortschrittlichen Gesellschaft leisten. Häufig tritt diese bedeutende Rolle erst dann ins Bewusstsein, wenn Räume nicht mehr existent oder im Verschwinden begriffen sind. Resultierend aus einer fehlenden Vernetzung und/oder Verankerung einzelner Orte (etwa wenn gesetzliche Rahmenbedingungen für den Erhalt von Räumen fehlen), fällt der Kampf um den urbanen Raum oft nachteilig für progressive Räume aus. Problematisch sind vor allem finanzielle Abhängigkeiten, in die sich BetreiberInnen nicht begeben wollen, denen sie sich aber kaum entziehen können und die faktisch beinahe überall bestehen.

 

Das schwierige Balancieren zwischen dem Streben nach Autonomie und der Notwendigkeit des Einholens von Subventionen wurde auch im Beitrag von Izidor Barši (Tovarna Rog, Ljubljana) deutlich. Rog ist eine ehemalige Fahrradfabrik im Zentrum Ljubljanas, die nach der Schließung in den 1990ern von der Stadt gekauft worden ist. Nachdem eine Gruppe von Studierenden einen Teil des 11.000 m2 großen Geländes im Jahr 2006 besetzt hatte, siedelten sich immer mehr Personen und Kollektive an, die in unterschiedlichen Projekten tätig sind oder einfach dort leben, wobei das nicht beheizte und mit Generatoren betriebene Gebäude dringend renovierungsbedürftig ist. Der städtische Renovierungsplan von 2016 sah eine komplette Räumung und Umwandlung in ein Haus für zeitgenössische Kunst vor, wogegen sich die durch eine Versammlung organisierte, sehr heterogene BesetzerInnengruppe wehrte. Der massive Widerstand gegen einen Räumungsversuch führte dazu, dass der Konflikt um die Nutzung von Rog nun vor Gericht ausgetragen wird. Der Prozess, den die Stadt konkret gegen acht BesetzerInnen führt, läuft immer noch. Letztere erfahren breite Unterstützung von Kunst- und Kulturschaffenden aber auch von anderen Teilen der Öffentlichkeit.

 

Unter dem Titel „Solidarität schafft Raum“ stellten zwei Bewohner der Autonomen Wohnfabrik (AW) Salzburg ein alternatives Wohnmodell vor. Die AW gehört dem Verein Habitat an, einem Zusammenschluss von Hausprojekten mit dem Ziel, Häuser gemeinschaftlich vom Markt frei zu kaufen, um langfristig bezahlbare Wohnungen und Raum für Initiativen zu schaffen. Den Kaufvertrag schließt eine GmbH ab, ein konsensbasierter Verein verwaltet das Haus, das sich zu einem Drittel aus niedrig verzinsten Direktkrediten von UnterstützerInnen und zwei Drittel aus Bankkrediten finanziert. Während es in Österreich derzeit nur zwei Habitat-Projekte (neben der AW das Haus Willy*Fred in Linz) gibt, existieren in Deutschland unter dem Dachverband Miethäusersyndikat bereits über 30 vergleichbare Initiativen. Mit einem Veranstaltungsraum inklusive Barbetrieb, einer Werkstatt und einem Tonstudio sowie derzeit 10 MieterInnen zeigt die Autonome Wohnfabrik bzw. der Verein Habitat, wie die Vergesellschaftung von Wohnraum in Österreich funktionieren kann.

 

Einen Überblick über die Entwicklung von Kulturräumen in Graz gab Klaus Störtebeker (Sub Graz), als Anfangspunkt wählte er das Jahr 2003. Hatte sich das Kulturhauptstadtjahr an sich als Enttäuschung erwiesen, sind in den Folgejahren zahlreiche neue Kulturräume entstanden, wobei viele davon heute nicht mehr in derselben Form wie damals bestehen. Selbst verwaltete und niederschwellig zugängliche Räume blieben nichtsdestotrotz ein Desideratum, das sich nur kurzfristig und teilweise in Form von mehreren Hausbesetzungen erfüllte. Zur selben Zeit gründeten sich vielerorts Vereinsprojekte, darunter die über die Stadtgrenzen hinaus bekannten Kollektivlokale Niesenberger, Sub und Kombüse.

Negativ tat sich die Stadt Graz in diesen Jahren durch eine zunehmende Verbotspolitik hervor. Eigens installierte Ordnungswachen gewährleisten seit damals das Einhalten von Bettelverboten, Alkoholverboten und Ähnlichem. Das von der Landesregierung 2012 beschlossene Veranstaltungsgesetz sieht zusätzlich vor, dass für Kulturveranstaltungen dieselben Auflagen wie für kommerzielle Events gelten. Das eigens geschaffene städtische Veranstaltungsreferat wurde nach der Gemeinderatswahl 2012 der FPÖ unterstellt, das ihr Augenmerk fortan auf Lokale richtete, die für ein offenes, vielfältiges, (sub-)kulturelles Graz standen und stehen. Neben einer repressiven Stadtpolitik tat und tut eine unsichere Immobilienstruktur ein Übriges.

Die Ökonomisierung von Kunst und Kultur zeigt sich auch in der steirischen Landeshauptstadt dergestalt, dass nicht der Mehrwert für die Gesellschaft, sondern der Nutzen für die Aufwertung der Marke „Graz“ beurteilt wird. „Kunst und Kultur werden also im besten Fall instrumentalisiert oder im schlechtesten Fall ausgehungert“, so Störtebeker, der darüber hinaus auf die fragwürden Förderrichtlinien für öffentliche Subventionen verweist. „Während die Fördergelder im Kulturbereich stetig gekürzt werden bzw. stagnieren, wird großzügig Geld in Design-Projekte, Start-Ups und Co-Working Spaces investiert – mit der Hoffnung, dass sich diese Investitionen durch ein gesteigertes Wirtschaftsaufkommen rentieren.“

 

Ob sich Kulturräume gegenwärtig mit ähnlichen Bedrohungsszenarien konfrontiert sehen und welche Strategien dagegen gemeinsam entwickelt werden können, wurde in der anschließenden von Simon Hafner (IG Kultur Steiermark) moderierten Diskussion unter Einbeziehung aller BeiträgerInnen und des Publikums erörtert. Die gesellschaftliche Wirkmächtigkeit von Räumen und deren spezielle Bedeutung am Land wurde noch einmal von Markus Gönitzer (Forum Stadtpark Graz, Container 25 Wolfsberg) herausgearbeitet. Vor allem ihre Rolle als Labore für alternative Entwürfe des Zusammenlebens und im Veränderungsprozess hin zu einer solidarischeren progressiveren Gesellschaft kann nicht genug geschätzt werden. Konsens unter der DiskutantInnten herrschte über die Auffassung, dass die Politisierung der Kunst- und Kulturszene vorangetrieben und der Druck gegenüber der Politik aufrechterhalten werden müsse – vor allem was den Bereich der öffentlichen Finanzierung betrifft. Zusätzlich brauche es mehr alternativ organisierte und finanzierte Orte und Wohnmodelle unabhängig von willkürlichen oder politisch motivierten Förderpolitiken. Schließlich könne die autoritäre Wende als Chance begriffen werden, aus der zurückgedrängten Defensive herauszukommen, neue Allianzen unter den Kunst- und Kulturschaffenden zu bilden und von der Vernetzung hin zur Solidarisierung zu gelangen.



 

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