Karten des Antirassismus

Was wäre ein antirassistisches Buch? Ein Buch, das jener "Zunahme rassistischer Haltungen" entgegenzuwirken versucht, über die sich die heutige Politik mitunter "besorgt" zeigt? Ein Buch, das der Scheinheiligkeit derselben Politik zu Leibe rückt, indem es die von ihr zu verantwortende Verfestigung (neo)rassistischer Diskriminierungsstrukturen anprangert?
Was wäre ein antirassistisches Buch? Ein Buch, das jener "Zunahme rassistischer Haltungen" entgegenzuwirken versucht, über die sich die heutige Politik mitunter "besorgt" zeigt? Ein Buch, das der Scheinheiligkeit derselben Politik zu Leibe rückt, indem es die von ihr zu verantwortende Verfestigung (neo)rassistischer Diskriminierungsstrukturen anprangert? Ein Buch, das die Ideologien des Rassismus angreift, ihre Geschichte und Vorgeschichte analysiert, sich ihrem Fortwirken etwa in den gegenwärtigen Zuwanderungsdebatten entgegenstellt? Jedenfalls hätte ein antirassistisches Buch, das ist in den letzten Jahren deutlich geworden, auf die Verflechtung der (nationalen, europäischen, globalen) Kontexte zu reagieren, in denen neue und alte Rassismen wirksam werden - nicht nur, indem es diese Verflechtung thematisiert, sondern auch, indem es den antirassistischen Diskurs selbst kontextübergreifend organisiert.

Einen wichtigen Schritt in diese Richtung setzt, für den Raum der EU, der von Ljubomir Bratic herausgegebene Band Landschaften der Tat. Er versammelt Texte, die die Reflexion antirassistischer Praxen mit zum Teil detaillierten historisch-politischen Analysen rassistisch geprägter Machtverhältnisse an verschiedenen europäischen Schauplätzen verbinden. Von AutorInnen verfasst, die ausnahmslos selbst aktivistische Erfahrungshintergründe haben, kartographieren die Texte das Europa der Demokratie, des Wohlstands und der viel beschworenen "europäischen Familie" als rassistisches Feld. Und sie verzeichnen antirassistische Kampf- und Widerstandslinien.

Genau hier aber ist zur Frage zurückzukehren, was ein antirassistisches Buch sein könnte. Denn die Maxime, die "Landschaften der Tat" eröffnet und trägt, lautet: Antirassismus denken. Sie formuliert die paradox wirkende Aufgabe, die Positivität einer Praxis zu denken, die sich scheinbar über eine Negation, nämlich die Negation des Rassismus definiert. Wie Bratic darlegt, verschiebt sich damit die Perspektive von der Analyse eines "als Faktum" hingenommenen Rassismus, innerhalb deren Antirassismus nur "immer als Reaktion gedacht" wird, hin auf "die unter dem Gesichtspunkt der Machtverhältnisse betrachtete Geschichte der politischen Interventionen in einem rassistischen Feld".

Was ist mit einem solchen Perspektivenwechsel gewonnen? Zunächst natürlich, dass die Betrachtung der Aktions- und Organisationsformen selbst in den Vordergrund rückt - und damit die Diskussion der konkreten Mittel, Handlungsspielräume und Erfahrungen des Antirassismus. Der Blick wird so zugleich auf die erst freizulegende Geschichte seiner Orte und AkteurInnen gelenkt, die oft noch dort verdeckt wird, wo im Namen des Antirassismus einseitig die Geschichte des Rassismus analysiert wird. Genau hier aber wird noch ein Zweites deutlich: Wo es nämlich nicht mehr allein darum geht, bestehende Rassismen und ihre Ideologien zu identifizieren, bricht der Rückgang auf die konkreten Erfahrungen antirassistischer Praxen so manche der diskursiven Voraussetzungen auf, in denen sich die Diskussion über Rassismus heute allzu oft bewegt.

Ein Beispiel: Mogniss Abdallah beschreibt in seinem Text, wie das Politikverbot für so genannte "ausländische Vereinigungen" im Frankreich der späten 70er-, frühen 80er-Jahre dazu führte, dass migrantische Vereinigungen sich zunehmend hinter "kulturellen Aktivitäten" verschanzten. Damit einhergehend internalisierten viele MigrantInnen den dominanten Diskurs und schränkten politische Artikulationsansprüche auf ihre Herkunftsländer ein. In der BRD wiederum, so Manuela Bojadzijev, avancierte gegen Ende der 70er-Jahre, als MigrantInnen erstmals als "eigene" soziale Gruppe objektiviert wurden, "Integration" zum zentralen Stichwort einer neuen "Ausländerpolitik", die vermeintlich drohende soziale Konflikte zu entschärfen versuchte, die sie unter der Hand selbst konstruierte. Vor dem Hintergrund dieses "Integrationsimperativs" kam es in den 80ern zur Gründung zahlreicher Kulturvereine; migrantische Organisations- und Aktionsformen verlagerten sich von Arbeitskämpfen und Mietstreiks (wie es sie in den 70ern gegeben hatte) in Richtung einer die jeweilige "Kultur" betonenden Repräsentationspolitik.

Wir sehen hier einige Eckdaten des heute gebetsmühlenartig vorgetragenen Diskurses über Zuwanderung sozusagen in Entstehung begriffen: das mittlerweile unvermeidliche Schlüsselkonzept der "Integration"; seine Herkunft aus der Diskriminierung (im Sinn der Unterscheidung wie auch der Ungleichberechtigung); sowie, nicht zuletzt, die durch die Vorenthaltung politischer Rechte begünstigte Kulturalisierung migrationspolitischer Diskussionen, die die Weichen auf Frontstellungen zwischen multikulturalistischen und "leitkulturalistischen" Positionen stellt.

Angesichts solcher Befunde ist es kaum verwunderlich, dass allen in "Landschaften der Tat" versammelten Texten ein tiefes Misstrauen gegen jenen moralisierend-appellativen "Antirassismus" gemeinsam ist, dessen Beschwörungen der "Toleranz" oder der "(multi)kulturellen Bereicherung" im Letzten eine systematische Ausblendung der politischen, ökonomischen und juridischen Dimensionen (neo)rassistischer Diskriminierung bedienen. Das Beispiel zeigt aber noch etwas anderes: dass nämlich eine Kartographie des Antirassismus, so wenig sich dieser mit wohlmeinenden "FürsprecherInnen" begnügen kann, Karten entwirft, deren Linien sich nicht mit jenen territorialer oder von Staatsangehörigkeiten bestimmter Grenzziehungen decken; eben darum aber schaffen diese Linien nicht nur Orientierungen, sondern bahnen auch Wege für neue Solidarisierungen. Auch in diesem Sinne ist "Landschaften der Tat" weder einfach ein Buch über Rassismus noch auch eines über Antirassismus. Es ist ein antirassistisches Buch - und zugleich auf dem Weg dorthin.

Stefan Nowotny ist Philosoph und Publizist und lebt in Brüssel.


Das Buch

Ljubomir Bratic (Hg.), Landschaften der Tat. Vermessung, Transformationen und Ambivalenzen des Antirassismus in Europa. St. Pölten: SozAktiv 2002.

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