Jenseits der Armutsgrenze

Kunst und Kultur können Überlebensmittel sein, die helfen, den Atem nicht zu verlieren. Das Geld bzw. das Sich-leisten-Können einer Eintrittskarte soll und darf kein Kriterium dafür sein, ist doch die Teilhabe am kulturellen Leben ein Grundrecht und in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte verankert.
Kulturpass, Kunst und Kultur trotz Armutsgrenze

Den Anfang machten Airan Berg, damals (2003) Direktor des Schauspielhauses Wien, und Martin Schenk von der Armutskonferenz und ihre Überzeugung, dass jede und jeder einen Zugang zu Kunst und Kultur haben soll. Das Geld bzw. das Sich-leisten- Können einer Eintrittskarte soll und darf kein Kriterium dafür sein, ist doch die Teilhabe am kulturellen Leben ein Grundrecht und in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte verankert. Für viele Menschen ist aber in Zeiten steigender Armut ein Kulturbesuch einfach nicht leistbar. 

„Durch diese Aktion ist mein Atem nicht verloren gegangen.“ Daniela hat es gerade sehr schwer. Sie lebt am Limit, unter der Armutsgrenze, mit ganz wenig über die Runden kommen. Warum brauchen Leute, die eh nichts haben, einen Theaterbesuch, Tanz oder Kino? Da geht es doch um Wohnung, Job und Einkommen. „Schon, um das geht es jedenfalls“, sagt Martin Schenk.

Aber: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Er lebt auch von guten Beziehungen, tiefen Erfahrungen, Auseinandersetzung und Freundschaften. Kunst und Kultur können Überlebensmittel sein, die helfen, den Atem nicht zu verlieren.“ Hier setzt die Aktion „Hunger auf Kunst und Kultur“ mit dem „Kulturpass“ an. Sozial benachteiligten Menschen wird damit freier Eintritt in Kultureinrichtungen ermöglicht. Das Grundprinzip ist einfach: Diejenigen, die sich ein Ticket leisten können, finanzieren auch das eine oder andere Ticket für diejenigen, die gerade jeden Euro zweimal umdrehen müssen. In den Anfängen wurde im Schauspielhaus bei diversen Vorstellungen Geld gesammelt, und bald finanzierte das Spendengeld die Tickets der KulturpassbesitzerInnen. Ein engagiertes Team entwickelte ein funktionierendes System mit schneller und hoher Akzeptanz. Die Idee und die Umsetzung gefielen, und rasch schlossen sich weitere Kulturinstitutionen der Aktion an. Gegen Vorweis eines Kulturpasses können seither Personen, die sich in schwierigenfinanziellen Lagen befinden, unentgeltlich Kultur genießen. Menschen, die unter der Armutsgefährdungsgrenze leben, die die Bedarfsorientierte Mindestsicherung oder Mindestpension beziehen, Menschen mit Notstandshilfe, Menschen in Grundversorgung.

 

 

„Der Kulturpass ist für mich sehr wichtig. Man fühlt sich besser integriert in die Gesellschaft, und man ist nicht ausgeschlossen von Kunst und Kultur.“

 

 

Kulturpass, Kunst und Kultur trotz Armutsgrenze

 

Die Kulturinstitutionen waren und sind selbst dafür verantwortlich, wie sie diese Kulturpass-Freikarten finanzieren bzw. refinanziert bekommen. Einige haben Sponsoren, andere haben Spendenboxen. Die Aktion und die Dynamik der Initiative gefielen auch der Stadt Wien, die die Aktion seit 2007 fördert und unterstützt. Ein Verein konnte gegründet werden, der mit viel Engagement das Fortbestehen und die Weiterentwicklung von „Hunger auf Kunst und Kultur“ sichert. Neben umtriebigen Kulturinstitutionen braucht es auch die Bereitschaft der sozialen Partner, die Kulturpässe auszustellen, die Anspruchsberechtigungen abzuklären und die Initiative an ihre KlientInnen zu vermitteln. Und es braucht eine Anlauf- und Sammelstelle für die vielen NetzwerkpartnerInnen und die vielen Fragen und Anliegen, die immer wieder auftauchen. 
Heute ist die Aktion 13 Jahre alt, zählt österreichweit mehr als 700 Kulturinstitutionen quer durch alle Genres wie Museen und Ausstellungshäuser, Theater, Tanzhäuser, Musiksäle, Kinos, Festivals und mehr als 600 Partnerorganisationen im Sozialbereich. Sie ist einfach nicht mehr wegzudenken. Das Kulturnetzwerk wuchs, und auch das Netz an sozialen Partnern wuchs. Vom AMS über die Nachbarschaftszentren bis hin zu den Sozialzentren. Das Netz wuchs auch über Wien hinaus in die Bundesländer. Mit dem Burgenland, das seit 2016 auch an Bord ist, ist das Netz nun österreichweit flächendeckend gespannt. Die Wiener Aktion „Hunger auf Kunst und Kultur“ ist auch europaweit beispielgebend. In Frankfurt (2008), Jena (2007), Stuttgart (2010), Darmstadt (Herbst 2010) und Luxemburg (2010) haben sich Initiativen gebildet, die das Modell des Kulturpasses aufgegriffen und in ähnlicher Form umgesetzt haben bzw. umsetzen werden.

Wie wichtig diese Initiative ist, zeigt sich nicht nur in den Zahlen der im Umlauf befindlichen Kulturpässe und der ausgegebenen Tickets, sondern auch in den zahlreichen und oft berührenden Feedbacks der KulturpassbesitzerInnen, sei es die alleinerziehende junge Mutter, die Mindestpensionistin oder der arbeitslose Augustinverkäufer. „Es ist für mich als Betroffene sehr wichtig, dass es den Kulturpass gibt“, schreibt Martina. „Man fühlt  sich besser integriert in die Gesellschaft, und man ist nicht ausgeschlossen von Kunst und Kultur, weil man sich sie sich nicht leisten könnte, gäbe es diese Möglichkeit nicht. Keine Arbeit zu haben, ist schon schlimm genug.“ 
Was die Aktion nicht kann: Die prekäre Situation von KünstlerInnen ändern, die oft genug selbst aufgrund ihrer Einkommensarmut den Kulturpass nutzen. Auch die ökonomischen Ursachen der Armut werden durch den Kulturpass nicht aus der Welt geschafft. Am besten wäre, wenn es keine Armut gäbe und eine ausreichende Finanzierung von Kunst und Kultur, dann bräuchten wir auch keinen Kulturpass.

 

 

Grenzen überwinden heißt auch willkommen sein, Begleitung, Assistenz und Partizipation.

 

 

Kulturvermittlung am Punkt. Die Möglichkeit, ungehinderte Zugänge zu Kultur zu schaffen, ist das eine. Aber diese Zugänge auch zu nutzen bzw. attraktiv zu machen, ist das andere. „Zugang zu haben, heißt noch nicht, willkommen zu sein. Zugang zu haben, heißt noch nicht, in Anspruch zu nehmen. Grenzen überwinden heißt auch willkommen sein, Begleitung, Assistenz und Partizipation“, analysiert Martin Schenk: „Mit ‚Hunger auf Kunst und Kultur‘ überschreiten wir diese doppelte Grenze. Mit dem Kulturpass als Tür.ffner die ökonomische, mit Hilfe und Begleitung die soziale.“
Das hat „Hunger auf Kunst und Kultur“ sehr bald (2009) erkannt und mit dem Programm „KulturTransfair“ darauf reagiert. In partnerschaftlichem Zusammenwirken schaffen Sozial- und Kultureinrichtungen maßgeschneiderte Angebote für die jeweiligen Personengruppen, die Barrieren und Hemmschwellen abbauen und Bezüge zum Kulturleben dieser Stadt ermöglichen. 24 Kultureinrichtungen haben mit 30 Sozialeinrichtungen 39 Vermittlungs-Spezialmodelle entwickelt und realisiert. Dauerhafte  Kooperationen sind entstanden und weitere Projekte haben sich daraus entwickelt wie der „Wurlitzer“, ein Programmheft in leichter Sprache. Dank der Unterstützung der Erste Bank kann das Projekt seit 2011 regelmäßig stattfinden. 
Ebenfalls im Bereich Kulturvermittlung angesiedelt ist das noch junge Projekt „Kulturbuddies“, das die Caritas 2012 – durch freiwilliges Engagement entwickelt hat und das seit Herbst 2014 gemeinsam mit Hunger auf Kunst und Kultur umgesetzt wird. Sozial benachteiligte Menschen, z.B. Menschen in Obdachlosen- und Flüchtlingshäusern, Menschen mit psychischen Erkrankungen oder körperlichen Behinderungen oder etwa Menschen, die straffällig geworden sind, nehmen Freizeitangebote oder öffentliche Räume wie Museen selten in Anspruch, auch wenn diese unentgeltlich zur Verfügung stehen. Ursachen dafür sind u.a. mangelnde Informationen über bestehende Angebote, eingeschränkte Mobilität (bspw. aufgrund fehlender finanzieller Ressourcen für öffentliche Verkehrsmittel), aber auch die Schwellenangst, sich auf Unbekanntes, möglicherweise Kompliziertes einzulassen als Folge von langer erzwungener Untätigkeit (bspw. im Zuge eines Asylverfahrens) oder psychischer Krisen. Mithilfe der Kulturbuddies sollen diese Hürden überbrückt werden.

 

Autorinnen: 

Monika Wagner, seit 2007 Gesch.ftsführerin des Vereins Hunger auf Kunst und Kultur.

Elke Weilharter, CEO SKYunlimited, Agentur für Kommunikation und Besucherforschung und seit 2007 zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit von Hunger auf Kunst und Kultur.

 

Fotos: ©Hunger auf Kunst und Kultur, Mangafas

Kulturpass, Kunst und Kultur trotz Armutsgrenze

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