Ein zirzensisches Versuchslabor mit politischem Anspruch

Über die VarietEKH - die erste selbstorganisierte Zirkusbühne Wiens. Im Ernst Kirchweger-Haus (EKH), einem der ältesten selbstverwalteten Haus- und Kulturprojekte in Wien.
Franzi Kreis, VarieteEKH

Ein Oktoberabend in Wien-Favoriten, es ist kühl, die letzten Strahlen der Herbstsonne verblassen. Und doch, die Stimmung vor dem Ernst Kirchweger-Haus (EKH), einem der ältesten selbstverwalteten Haus- und Kulturprojekte in Wien, ist erwartungsvoll. Kein Wunder, reicht die Warteschlange am Eingang doch bis zur nächsten Straßenkreuzung. Denn heute ist VarietEKH, der zeitgenössische Zirkus hält Einzug in Favoriten.

 

 

Fernab von Hochglanz-Varietés

Die VarietEKH ist die erste offene, selbstorganisierte Bühne für zeitgenössischen Zirkus in Wien. Seit vier Jahren ist sie nun schon im großen Theatersaal des Ernst Kirchweger-Hauses beheimatet, wo einst das legendäre Volxtheater Favoriten seine kollektiv erarbeiteten Stücke zum Besten gab.

Das Konzept der VarietEKH ist klar: Pro Auflage ein eigens kreiertes Varieté-Programm mit jeweils unterschiedlichen KünstlerInnen, zwei Spielabende, eine freie Eintrittspolitik (die allen Menschen, fernab von ihren finanziellen Möglichkeiten, Zugang zu Kunst gewährleisten soll) und eine möglichst abwechslungsreiche Show. Erlaubt ist nahezu alles, was in den Zirkus- und Performancebereich fällt: Artistik, Tanz, Clownerie, Musik, Poetry Slam oder irgendetwas dazwischen. Organisiert wird das Ganze in Eigenregie von einem losen Kollektiv, bestehend aus 10-15 Personen, bei dem prinzipiell jedeR mitmachen kann. Das Ziel: Die Bühne denjenigen zur Verfügung stellen, die sie bespielen möchten, einen Raum schaffen für zirzensische Experimente und ganz nebenbei noch das Wiener Publikum für zeitgenössischen Zirkus begeistern.

Mal ruhig-ästhetisch, mal subversiv-humoresk, mal kraftvoll-aufwühlend, könnten die Shows abwechslungsreicher nicht sein: Von verspielter Luftakrobatik und zeitgenössischem Tanz über Jonglage mit Dartpfeilen und Wrestling-Showkämpfen bis hin zu einfühlsamen Diabolo-Nummern und einem clownesken Jesus, der am Kreuz hängend vom Osterhasen gefüttert wird, gibt es (fast) nichts, das es bei der VarietEKH noch nicht gegeben hat.

Und das Konzept geht auf: Nach sieben Auflagen und 14 Spielabenden mit fast immer vollem Saal bei je 250-300 BesucherInnen ist die VarietEKH zur einer fixen Institution der Wiener freien Szene geworden. „Die VarietEKH ist eine Plattform für experimentellen Zirkus und bietet die Möglichkeit, Ideen auszuprobieren, sowohl für professionelle ArtistInnen als auch für Bühnenneulinge. Das schätzt auch das Publikum“, erklärt sich eine Initiatorin, die schon von Anfang an dabei ist, den Erfolg des Projekts.

 

Nicht nur den KünstlerInnen auf der Bühne gebührt der Applaus, auch die zahlreichen HelferInnen, die hinter der Bühne zugange sind, sind fixer und wichtiger Bestandteil der Show.

 

Don’t fall in love with the artist, be the artist!

Zurück zum Oktoberabend im Ernst Kirchweger-Haus. Der Saal ist voll, dreihundert Zirkusbegeisterte sind an diesem Abend gekommen. Die Moderation schaukeln heute drei Artistinnen, die im Laufe der Jahre schon unterschiedlichste Aufgaben übernommen haben. Von der Lichttechnik bis zum Einlass, vom Kochen bis zur Bühnennummer, alle Bereiche der VarietEKH sind kollektiv organisiert. Nicht nur den KünstlerInnen auf der Bühne gebührt der Applaus, auch die zahlreichen HelferInnen, die hinter der Bühne zugange sind, sind fixer und wichtiger Bestandteil der Show.

Dieser kollektive Geist spiegelt sich auch in den Inhalten der diesmaligen Moderation wieder: In kurzen Einlagen zwischen den Varieté-Nummern wird heute Wohnungslosigkeit thematisiert. Eine adrette Immobilienmaklerin startet auf der Bühne den Versuch einer Wohnungsräumung, das Publikum mischt sich ein und wird in spontanen Sprechchören zur Komplizin gegen Zwangsräumungen. Dass es sich beim VarietEKH um ein politisches Projekt handelt und auch politische Statements vermittelt werden sollen, darum wird kein Hehl gemacht. So ist es dem Kollektiv bspw. wichtig, im Vorfeld einer Show (bei den Anmeldungen) transparent zu machen, dass mindestens die Hälfte der Bühnenshow von Frauen gestaltet werden soll, damit das sonst im Zirkusbereich gängige Geschlechter-Ungleichgewicht nicht reproduziert wird.

Teil der Show ist diesmal auch eine junge Poetry-Slammerin, die mit ihren poetischen Kurztexten heute zum ersten Mal Bühnenluft schnuppert. Mit Poetry Slam ist sie vor zwei Jahren bei der VarietEKH in Berührung gekommen: „Ich war begeistert und habe sofort beschlossen, dass ich das auch machen möchte. Ich war fasziniert davon, dass Leute solidarisch zusammenarbeiten und dass das so gut funktioniert. Heute stehe ich nun auf der Bühne“, erzählt sie. Einen niederschwelligen Raum für Bühnendebuts zu schaffen, ist einer der Grundgedanken der VarietEKH. Auftrittsmöglichkeiten für zeitgenössischen Zirkus sind rar in Wien, für AnfängerInnen ist es umso schwieriger, erste Versuche auf der Bühne zu wagen.

Doch auch professionelle ArtistInnen sind gern gesehen: „Bei der VarietEKH soll auch gezeigt werden, was im zeitgenössischen Zirkus alles möglich ist. So wird Inspiration nach Wien gebracht, wo die zeitgenössische Zirkusszene eher noch am Anfang steht“, erklärt ein Organisator. Heute sind gleich zwei internationale Acts zu sehen: Ein Handstand-Artist ist extra aus Belgien angereist, ein Performer, der in den Niederlanden auf die Zirkusschule geht, zeigt eine Hutjonglage-Nummer mit Livemusik.

 

 

„Unsere Kunst ist solidarisch“

Die Show ist nun zu Ende, drei Mal müssen die fünfzehn KünstlerInnen auf die Bühne kommen, bevor der Applaus des Publikums ein Ende findet. Am Ausgang gibt es noch einmal die Möglichkeit, mit einer Spende der Show Tribut zu zollen.

Mit dem Erlös der VarietEKH werden unterschiedliche Projekte unterstützt. Fünfzig Prozent der Einnahmen gehen an politische Projekte (so wurden u.a. Projekte von Flüchtlingen und die Angeklagten im Wiener Schlepperei-Prozess unterstützt), die andere Hälfte wird für den Aufbau selbstorganisierter Zirkusstrukturen in Wien und anderswo genutzt. Bisher wurden unter anderem Zirkus- und Theaterprojekte in Linz, Budapest, Palästina, Nepal und Bolivien unterstützt, aber auch freie Zirkustrainings und Zirkusequipment für die freie Szene in Wien werden durch die Spendengelder finanziert. 

Bühnenräume öffnen!

Die VarieEKH ist u.a. aus dem Wunsch einiger Wiener ZirkuskünstlerInnen heraus gewachsen, eine eigene Bühne für zeitgenössischen Zirkus zu eröffnen. Auf Initiative des „CuriousCircusCollective“, welches 2012 erstmals ein Zirkustheaterstück („reAlice“) im Ernst Kirchweger-Haus aufgeführt hat und selber von dem BesucherInnenansturm und dem Interesse an zeitgenössischem Zirkus überrascht war, entstand das VarietEKH-Kollektiv. Die Suche nach anderen Auftrittsorten kam für das Kollektiv erst gar nicht in Frage, da ein Raum mit solch einer Kapazität (bis zu 300 BesucherInnen) und den Zirkus-spezifischen Anforderungen (Bühnen-/Raumhöhe mit Aufhängemöglichkeiten für Luftakrobatik), verbunden mit der Idee einer freien Eintrittspolitik, schwer bis unmöglich zu finden ist. Dass mit dem Ernst Kirchweger-Haus eine geeignete Herberge gefunden wurde, war somit ein Volltreffer und ein Katalysator für die Zirkuskünste in Wien. So hat die Möglichkeit, einen Raum ohne horrende Saalmieten bespielen zu können, die junge freie Zirkusszene in Wien erst zum Blühen gebracht. Dennoch sind auch heute noch fehlende Zirkusräume eines der Hauptprobleme der Szene und limitieren die Potentiale einer jungen, wachsenden und hochgradig motivierten Zirkus-Bewegung in Wien. Dass solch einer Entwicklung politisch nur unzureichend Rechnung getragen wird, ist ein Armutszeugnis für die Hauptstadt eines europäischen Landes und begrenzt die Entfaltungsmöglichkeiten des zeitgenössischen Zirkus enorm. Nun – vier Jahre später – tut sich allerdings etwas in der Förderlandschaft: Endlich wird zeitgenössischer Zirkus, zumindest auf Bundesebene, als interdisziplinäre, förderungswürdige Kunstform erkannt. Dass es Nachholbedarf auf Länder- und Gemeindeebene gibt, versteht sich quasi von selbst.

Nicht nur, aber auch aufgrund der prekären bzw. kaum vorhandenen Förderungen der öffentlichen Hand für zeitgenössischen Zirkus, bleiben selbstorganisierte Initiativen und (linke) Strukturen ein unverzichtbarer Grundpfeiler für die Zirkusinfrastruktur in Wien. Die VarietEKH leistet hierfür einen wertvollen Beitrag.

Zurück ins EKH. Die letzten ZuschauerInnen sind gegangen, die siebte VarietEKH ist nun vorüber. Im Saal werden die letzten Requisiten verstaut, bleiben jedoch griffbereit: Denn in 6 Monaten werden die Bühnenvorhänge in Position gebracht für die nächste VarietEKH.

 

Franzi Kreis, VarieteEKH

Hast du Lust, mit deiner Bühnenperformance unser Solidaritäts-Varieté zu unterstützen?

Anmeldung bis 5 Wochen vorher unter varietekh@riseup.net

Jedes Varieté wird zwei Mal (Sa/So) aufgeführt. Am Freitag davor ist Generalprobe.

 

Weitere Infos und aktuelle Termine:

www.varietekh.at

facebook.com/Curious.Circus.Collective

 

 

AutorInnen:

Maria Lisa Pichler studiert an der Akademie der Bildenden Künste Wien und forscht in Theorie und Praxis als Luftakrobatin zu queer-feministischen Körperpolitiken im zeitgenössischen Zirkus. Sie ist im C3-Kollektiv und bei der VarietEKH aktiv.

Arne Mannott ist freischaffender Zirkuskünstler und autonomer Kulturarbeiter. Neben seinem künstlerischen Schaffen widmet er sich dem Aufbau eines Netzwerks für zeitgenössischen Zirkus in Wien: Mitbegründer des C3-Kollektivs, der VarietEKH und des Vereins ZirKultur.

 

Fotos: ©Franzi Kreis, VarieteEKH

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