"Der Gipfel des Zynismus"

Vorarlbergs Kulturszene entrüstet über fristlose Entlassung eines ORF-Kulturredakteurs. Eine Kommentarsammlung der IG Kultur Vorarlberg, aktualisiert am 30.06.2020

Feldkirch, 26. Mai 2020
Zwei Jahre ist es her, als rund 1.000 Menschen beim
maniFEST für Kultur um 6 auf dem Dornbirner Marktplatz die ORF-Landesdirektion an ihren Kulturauftrag erinnerten. Hintergrund der öffentlichen Aktion war die Verlegung der etablierten Radiosendung "Kultur nach 6" auf nach 20 Uhr, wogegen die Kulturszene des Landes protestierte. „Kultur braucht Öffentlichkeit und Öffentlichkeit braucht Kultur“ lautete das Motto maniFESTs, an dem sich zahlreiche Persönlichkeiten des Landes, Künstlerinnen und Künstler sowie kulturell engagierte Menschen aller Altersklassen mit Musik, Tanz und Poesie sowie treffenden Statements zum Thema Kulturjournalismus und Medienberichterstattung beteiligten.
Mitte Mai dieses Jahres drang an die Öffentlichkeit, dass am Stuhl der personellen Besetzung in der Kulturredaktion sogar während der Coronakrise kräftig gesägt wird, womit sich das zu wiederholen scheint, von dessen Gegenteil Landesdirektor Markus Klement in etlichen intensiven Gesprächen mit Kulturakteur*innen des Landes im Zeitraum von knapp zwei Jahren zu überzeugen versuchte.

 

In der Presseaussendung des Redakteursrates mit Dieter Bornemann, Margit Schuschou, Peter Daser hieß es jüngst, dass ein langjähriger ORF-Kulturredakteur, „der sich in seiner Funktion als gewählter Redakteurssprecher für den Erhalt der Kultursendung auf Radio Vorarlberg stark gemacht hat“, vom Generaldirektor fristlos entlassen wurde. Der Presseaussendung war zu entnehmen, dass der Kulturredakteur am 25. März seine Kultursendung vom üblichen Sendeplatz aus für Radio Vorarlberg live moderiert habe. Laut Aussage des Redakteursrates sei weder ihm noch anderen Personen aus der Kulturredaktion kommuniziert worden, wie die Sendung abgewickelt werden solle, ohne dafür das Studio zu betreten. Dennoch wurde der Vorarlberger Kulturredakteur fristlos entlassen, angeblich wegen Betretens der „Isolationszone“ im Landesstudio Vorarlberg. Der Fall liegt nun beim Arbeitsgericht.

 

Zahlreiche Kunst- und Kulturakteur*innen des Landes sind entrüstet über das Vorgehen und schließen sich mit Kommentaren dem vehementen Protest des Redakteursrates an:

 

"Es lebe die Kultur!?

Vor zwei Jahren haben sich die Kulturschaffenden beim maniFEST für Kultur um 6 auf dem Dornbirner Marktplatz bereits für den Stellenwert von Kultur im öffentlich rechtlichen Medium ORF stark gemacht. Trotzdem ist es zu einer Verschiebung und daher Marginalisierung der Sendung "Kultur nach 6" gekommen. Jetzt ist ein langjähriger Kulturredakteur und gewählter Redakteurssprecher fristlos entlassen worden. Dieser Mitarbeiter war mit 80% angestellt - der Verlust hinterlässt ein nicht zu schließendes Defizit in der Kulturberichterstattung.
Bettina Barnay, Guntram Pfluger - alle diese Personen sind ein Verlust für den ORF, NIE gab es Nachbesetzungen, welche den prozentuellen Abgängen entsprochen hätten!
Die Tatsache, dass diese Nachbesetzungen unzureichend stattgefunden haben, deutet darauf hin, dass der Kulturabteilung die Existenzberechtigung entzogen werden soll.
Hinzu kommt noch, dass bereits mehrere bzw. alle Abteilungen nach der Coronakrisenkurzarbeit wieder hochgefahren wurden, während die Kulturabteilung immer noch in Kurzarbeit zu verbleiben hat. Dabei gäbe es so viel zu berichten!
Wir erinnern Sie, sehr geehrter Herr Landesdirektor, nur an das Kulturmagazin, das täglich zu füllen und zu moderieren ist, ebenso an Kultur Extra. Literatur Vorarlberg und damit die Vorarlberger Autorinnen und Autoren wünschen sich eine potente Kulturredaktion, um entsprechend dem Kulturauftrag einen Medienpartner zu haben, der das literarische Schaffen im Land sichtbar machen kann. 
In der derzeitigen Situation sehen wir den ORF nicht als diesen verlässlichen Partner! Diesen Partner aber 
fordert wir, diesen Partner bezahlen wir mit unseren Steuermitteln - wir sind im Prinzip die Arbeitgeber des Landesdirektors."

Lina Hofstädter, Mag. Erika Kronabitter und Marie-Rose Rodewald-Cerha, LITERATUR VORARLBERG
30.06.2020
 

 

"Hat Vorarlberg zu viel Kultur?

Wir sind in höchstem Maße alarmiert. Die ORF Kultur Vorarlberg, einst ein Aushängeschild der ORF Kultur, droht zu verschwinden. Nicht nur, dass der heuer 
notwendige Verzicht auf die Bregenzer Festspiele ein tiefes Loch in das Kulturleben des Landes reißt, entschließt sich nun auch noch der ORF Vorarlberg dazu, möglichst wenig für das Kulturleben des Landes zu tun. Es ist ein langjähriger Kulturredakteur und gewählter Redakteurssprecher fristlos entlassen worden, es gab für bisherige Abgänge im Kunst- und Kulturbereich keine Nachbesetzungen mehr und die Kultur soll nach wie vor in Kurzarbeit bleiben. Hat Vorarlberg zu viel Kultur? Braucht Vorarlberg eine kulturelle Ruhepause? Oder ist das einfach nur ein Kurs des ORF Landesdirektors, dem die Abschiebung der Sendung "Kultur nach 6" noch nicht genügt? Dabei hätte der ORF Vorarlberg ein Beispiel vor Augen, wie attraktiv es sein kann, ein Kulturereignis wie den Bachmannpreis trotz größter Beschränkungen unter größter medialer Betrachtung durchzuführen. Aber vielleicht will das der ORF Vorarlberg auch gar nicht mehr, die Kunst und Kultur des Landes beachten.
In der derzeitigen Bewerbung der GIS führt der ORF seine kulturelle Bedeutung und Regionalist als wichtigste Begründungen für die ORF-Gebühr an. Hat der ORF Vorarlberg tatsächlich nichts Besseres zu tun, als das in Frage zu stellen?
Wir hoffen nicht."

 

Gerhard Ruiss, IG Autorinnen Autoren
Wien, 29.06.2020




"Schade und unverständlich, wenn gerade der Kulturjournalist "geschickt" wird, der sich am engagiertesten und am unkompliziertesten den Gesellschaftspolitischen Diskursen widmete, die für eine Kultur im Lande demokratiepolitisch relevant sind. Das Selbstverständnis des ORF im Ländle - gerade im Bereich der Kultur - muss mehr denn je in einen öffentlichen Diskurs münden, dem sich dieser stellen muss, will er sich nicht als öffentlich-rechtliches Medium in unserer Demokratie selbst demontieren, worauf aber immer mehr hinzudeuten scheint"

Kurt Bereuter, freier Journalist, Moderator, Organisationsentwickler
Bregenzerwald, 27.05.2020




„Die Entlassung hat bei uns viel Irritation ausgelöst und der Grund scheint auch uns nicht nachvollziehbar. Meine Sorge gilt dem unabhängigen Journalismus. Aktionen wie diese schmälern das Vertrauen in den ORF als öffentlich-rechtliche Institution. Er schadet sich damit selbst und dem Anliegen, für das er mit aller Vehemenz selbst eintreten sollte. Ich wünsche mir hier ein Umdenken und einen starken ORF, der seine Mitarbeiter/innen fair behandelt und sie damit in der Ausübung ihrer gesellschaftlich so relevanten Arbeit unterstützt.“

Verena Konrad, Direktorin vai Vorarlberger Architektur Institut
Dornbirn, 25.05.2020

 

"In einer höchst sensiblen, für alle schwierigen, neuartigen Zeit einen langjährigen Mitarbeiter und verdienten Kulturredakteur fristlos zu entlassen, erachte ich einer öffentlich-rechtlichen und damit beispielgebenden Institution, als die ich den ORF ansehen möchte, für absolut unwürdig. Die kolportierte Argumentation befinde ich als fadenscheinig und unprofessionell. Ich sehe hierin den Versuch, auf beschämende Art und Weise eine Krise zu missbrauchen, um eine missliebige Person aus dem Kader zu entfernen, die Kulturredaktion weiter zu schwächen und damit Schwerpunkte in der Programmgestaltung zu verschieben."

Dagmar Ullmann-Bautz, Geschäftsführerin Landesverband für Amateurtheater / Theaterpädagogin
Dornbirn, 25.05.2020

 

„Die Corona-Pandemie gibt zu Recht Anlass zu Vorsicht und gegenseitiger Aufmerksamkeit. Diese für alle Beteiligten schwierige Situation auszunutzen, um einen verdienten Redakteur des ORF Vorarlberg wegen einer angeblichen Übertretung von Corona-Sicherheitsregeln zu entlassen, ist allerdings der Gipfel des Zynismus. Dass es sich dabei um einen Redakteurssprecher handelt, zeigt, dass es sich dabei offenbar auch eine unverhüllte Drohung gegenüber den Mitarbeitern des Senders handelt. Immer wieder wurden Versprechungen gemacht, die Kultur beim Sender in Dornbirn nicht weiter auszudünnen. Diese Entscheidung weckt nun wieder schlimmste Befürchtungen.“

Hanno Loewy, Direktor Jüdisches Museum Hohenems
Hohenems, 25.05.2020

 

"Es fällt mir schwer, keinen Zusammenhang herzustellen zwischen der Entlassung eines verdienten Kulturredakteurs und den Sparmaßnahmen des ORF. So gelingt es auf Umwegen, die Kulturredaktion des ORF Vorarlberg wieder um einige Arbeitsstunden zu reduzieren."

Barbara Herold, Theaterregisseurin / Bundeslandsprecherin der IG Freie Theater
Bregenz, 25.05.2020

 

„Vor allem in der Zeit der Krise arbeiten Qualitätsjournalist*innen des ORF Tag und Nacht auf Hochtouren, damit relevante Informationen aus allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens verständlich formuliert an das Publikum vermittelt werden. Damit leisten sie einen wesentlichen Anteil zur Meinungsbildung und zum Erhalt demokratischer Grundrechte. Was sich die ORF-Landesdirektion mit der fristlosen Entlassung nun geleistet hat, ist absurderweise ein Schlag ins eigene öffentlich-rechtliche Gesicht und damit in das der Bevölkerung. Es wäre unfassbar, zöge das keine Konsequenzen nach sich."

Mirjam Steinbock, Geschäftsführerin IG Kultur Vorarlberg
Feldkirch, 25.05.2020

 


"Die Entlassung eines wichtigen Kulturredakteurs, deren Begründung nach einem Schildbürgerstreich klingt, hat mich sehr irritiert und widerspricht meinem Eindruck, die Kulturszene hätte im Zuge der Diskussion um die Sendung "Kultur nach 6" eine gewisse Vertrauensbasis zur Geschäftsführung, namentlich zu Markus Klement aufgebaut. Dazu gehörte auch seine Zusage, den Personalstand der Kulturredaktion quantitativ zumindest beizubehalten und dabei qualitativ sogar zu stärken. Dass die Entlassung von Generaldirektor Alexander Wrabetz ausgesprochen wurde, kann nur dahingehend gedeutet werden, dass dieser von Landesdirektor Markus Klement eingeschlagene Weg unternehmensintern nicht unterstützt wird."


Wolfgang Mörth, Autor
Bregenz, 25.05.2020

 

„Die Arbeit der Kulturredaktion des ORF-Landesstudios ist gesellschaftspolitisch gesehen von großer Bedeutung. Seit 2017 beobachten wir in der Kulturszene jedoch mit Schrecken, dass die Abteilung des ORF Vorarlberg sukzessive ausgedünnt wird und etablierte Kulturformate von der Landesdirektion willkürlich verlegt oder gar abgesetzt werden. Die Führungsebene bekämpft damit den Erhalt von kritischem Kulturjournalismus. Sie zerstört nicht nur ihren eigenen Auftrag, sondern auch unsere Gesellschaft und unsere Demokratie!"

Margarete Broger, Obfrau IG Kultur Vorarlberg und Frauenmuseum Hittisau
Hittisau, 25.05.2020

 

 

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